«Lili wird an ihrem 95. Geburtstag in ihrem Kleid mit den blauen Blumen in einem blassen Holzsarg liegen.»
Dies ist der erste Satz des Romans «Im Meer waren wir nie» von Meral Kureyshi.
Was vorher geschehen ist, erzählt die junge Ich-Erzählerin in diesem Buch.
Sie bekommt von der Mutter ihrer besten Freundin den Job, Grossmutter Lili im Altersheim zu betreuen. Dabei geht es um die Dinge des Alltags: Post öffnen, einkaufen, ausführen und begleiten, Zeitung vorlesen, zuhören.
Meral Kureyshi schildert dies alles in vielen kurzen Episoden. Sie sind überraschend, fantasievoll und poetisch.
Ihre Sprache ist knapp und verdichtet, oft skurril und impressionistisch:
«Sie berührt Lilis magere Haut und stellt sich vor, wie sie die schlaffe Haut auf Lilis Hand in die Länge zieht, bis zu den Wolken und bis zum Mond.»
«Ich laufe so schnell wie möglich irgendwohin, um woanders anzukommen.»
«Ich erwache weinend aus meinem Traum in meinem Bett, es ist kein richtiges Weinen, es ist wie Weinen spielen, Laute nachahmen, ohne Tränen. Wenn ich versuche, über den Traum zu sprechen, ihn mir selbst laut zu erzählen, verschwindet er Wort für Wort.»
Die vier Hauptfiguren sind die junge Erzählerin, Grossmutter Lili, Tochter Klara und Enkelin Sophie. Mit ihnen erzählt die Autorin von vier Generationen, ihren Begegnungen und ihren Lebenswelten.
Das Buch ist ein Leseerlebnis. Durch die Verdichtung von Sprache und Inhalt las ich das Buch langsam und konzentriert, wie einen Gedichtband.
Es braucht Zeit, hinter die Worte zu spüren.