Percival Everett gelingt mit James ein literarisches Meisterwerk, das nicht nur eine neue Perspektive auf Mark Twains Huckleberry Finn eröffnet, sondern auch tiefgreifende Fragen zu Sprache, Identität und Rassismus stellt. Indem Everett dem lange marginalisierten Charakter Jim eine eigene Stimme verleiht, wird aus der bekannten Geschichte ein radikaler Akt der Reinterpretation.
Jim ist hier nicht der schweigsame Begleiter, sondern ein reflektierter, gebildeter Mann, der seine Intelligenz bewusst verbirgt, um in der feindlichen, weissen Welt zu überleben. Besonders faszinierend ist, wie Everett die Angst der Weissen nicht vor der körperlichen Stärke der Schwarzen, sondern vor deren kultivierter Sprache beschreibt. Ich habe mir das so erklärt, dass die Weissen durch die kultivierte Sprache der Schwarzen wohl anerkennen müssen, dass sie es nicht mit Tieren oder Ungeziefer zu tun haben und damit das eigene Verhalten widerwärtig, illegal und ungerecht ist. Sprache wird zur Waffe, zur Befreiung, zur Provokation.
Die Begegnungen, die Jim auf seiner Reise macht, sind vielschichtig: Sie zeigen Hoffnung, aber auch die bittere Erkenntnis, dass selbst vermeintlich wohlmeinende Weisse Teil eines Systems sind, das schwarze Menschen entmenschlicht. Am Ende steht eine resignierte Klarheit – ein stilles, aber kraftvolles Statement über die Grenzen von Empathie und die Beständigkeit struktureller Ungleichheit.
James ist ein aktuelles, mutiges und literarisch brillantes Werk, das nicht nur Twains Klassiker hinterfragt, sondern auch unsere Gegenwart. Es fordert dazu auf, zuzuhören und die Stimmen zu hören, die zu lange übergangen wurden.