Julia Holbes neuester Roman hat mich begeistert! Bei nächster Gelegenheit muss ich mal nach den vorherigen Werken suchen. Aber der Reihe nach: Ich-Erzählerin Flora ist ca. 60 Jahre alt, hat vor über einem Jahr erst ihre Mutter, dann ihren Vater beerdigt und befolgt nun den Rat ihrer vernünftigen Tochter, Lucie, sich um das Elternhaus zu kümmern. In ihren Gedanken dabei omnipräsent: die Eltern, die Kindheit, all diese Erinnerungen an früher und natürlich ihre Schwester. Millie, die sie schon seit Jahren nicht gesehen hat, die nie reagiert hat auf Floras Nachrichten, die nicht bei den Beerdigungen war, die blöde Schwester halt. Die dann plötzlich vor der Tür steht.
Flora erzählt authentisch, frisch von der Leber weg, teils etwas konfus und sich wiederholend, wie das schon mal ist, wenn wir von unseren Erinnerungen erzählen. Haben wir gerade noch den Eindruck gehabt, wir sind mit ihr in Gedanken, merken wir an der Rückmeldung ihres Umfelds, sie hat laut gesprochen. Das ist mitunter unglaublich komisch. Nebst Passagen, die inneren Monologen gleichen, haben wir es überwiegend mit Dialogen zu tun, was die Lektüre unterhaltsam und lebhaft macht. Bei allen schwierigen Gefühlen den Eltern gegenüber, bleibt der Blick zurück doch liebevoll.
Viel Freude hatte ich auch an Floras Sprache, den kurzen Sätzen, Wörtern wie der «Nuckelpinne», ihrer Angewohnheit, jedes «eh» zu verbessern in ein «ohnehin» und damit ihren Mitmenschen auf den Wecker zu gehen.
Es ist eine unbeschwerte, lebensfrohe Lektüre über die Zumutungen der Familie, des Lebens, über das Sich-aus-den-Augen-Verlieren und Wiederanknüpfen, über unsere subjektiven Erinnerungen, das Altern und Zusammenhalt. Einfach herrlich!