Rezension: Selbstporträt als Sphinx von Ellery Lloyd
Schon beim Lesen des Klappentextes hat mich Selbstporträt als Sphinx sofort neugierig gemacht: Ein mysteriöses Gemälde, eine rätselhafte Vergangenheit, ein Mordfall – das klang nach einem vielschichtigen Krimi mit einer künstlerischen Note. Und tatsächlich: Die Geschichte entfaltet sich auf mehreren Ebenen und hat mich letztlich gut unterhalten – auch wenn der Weg dahin einige Kurven genommen hat.
Einstieg mit Hindernissen – aber Potenzial
Der Roman startet mit einem Knall – Patrick wird wegen Mordverdachts verhaftet. Doch anstatt diesen Spannungsbogen direkt weiterzuführen, verlangsamt die Geschichte relativ bald das Tempo. Es dominieren zunächst Beziehungsdynamiken und kunsthistorische Hintergründe, bevor sich die klassische Krimihandlung mit dem Cliffhanger gegen Ende des ersten Teils (der Tod einer zentralen Figur) richtig entfaltet. Die Erzählung braucht etwas viel Zeit, um in Fahrt zu kommen – für mich ein Kritikpunkt, auch wenn die Geschichte kontinuierlich spannender wird.
Positiv hervorzuheben ist der klare Aufbau der Perspektivwechsel: Die verschiedenen Erzählstimmen sind stets mit Namen gekennzeichnet, was die Orientierung beim Lesen erleichtert. Gelegentliche abrupte Szenenwechsel innerhalb eines Kapitels empfand ich allerdings als irritierend.
Figuren mit Tiefe – vor allem in den Grautönen
Die Beziehung zwischen Caroline und Patrick fand ich glaubwürdig, wenn auch schwierig. Besonders gelungen war die Darstellung ihrer komplexen emotionalen Verflechtung, die sich durch das ganze Buch zieht.
Athena hingegen hat mich eher genervt: Ihre Entfremdung von Caroline wirkte kindisch und unausgereift, vor allem angesichts der jahrzehntelangen Freundschaft. Und doch passt auch das zu einem zentralen Thema des Buches: Unausgesprochene Schuld, Schweigen und die schmerzhaften Langzeitfolgen familiärer und gesellschaftlicher Strukturen.
Kunst, Wahnsinn und der Wunsch nach Unsterblichkeit
Ein faszinierender Aspekt der Geschichte ist die Verbindung zwischen Kunst und Obsession. Die Idee, eine echte Leiche als Vorlage für ein Gemälde zu nutzen, ist zwar makaber, aber im künstlerischen Kontext nicht völlig abwegig – und in der Literatur- und Kunstgeschichte keineswegs ohne Vorbild. Die Frage, wie weit Kunst gehen darf, wird geschickt angedeutet, ohne ins Spekulative abzudriften.
Auch das Thema “verkannte Künstlerinnen” gewinnt gegen Ende des Buches an Bedeutung – für mich ein besonders starker und bewegender Aspekt, der gut in die Handlung eingewoben ist.
Finale mit gemischten Gefühlen
Das Ende des Buches hinterliess bei mir zwiespältige Eindrücke. Einerseits ist es befriedigend, dass alle offenen Fragen beantwortet und die Handlungsstränge zusammengeführt werden. Andererseits erschien mir die Auflösung – vor allem durch eine plötzlich übermächtig wirkende Figur mit seinem KI-Wunderwerk – ein wenig zu glatt, fast wie ein aus einem Actionfilm entlehnter Kunstgriff. Der ansonsten klug aufgebaute Plot hätte für meinen Geschmack eine weniger konstruierte Auflösung verdient.
Fazit
Dem Autoren-Duo Ellery Lloyd gelingt mit Selbstporträt als Sphinx ein unterhaltsamer, kunstvoll konstruierter Roman zwischen Krimi, Familiendrama und Kunstgeschichte. Die Themenvielfalt – von elitären Geheimbünden über künstlerische Obsession bis hin zu feministischen Aspekten – macht das Buch zu einem spannenden Leseerlebnis, auch wenn das Erzähltempo nicht durchgehend stimmig war und das Ende etwas konstruiert wirkt.
Insgesamt ein lesenswerter Roman, der sowohl Spannung als auch Denkanstösse liefert – und mit einer starken weiblichen Künstlerfigur im Zentrum lange nachhallt.
3 von 5 Sternen
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