Das Tempo der Ereignisse stieg in diesem letzten Drittel an, und ich konnte das Buch kaum mehr aus den Fingern legen. Alarmiert war ich bereits, als wir über die Hausangestellte von der Gehässigkeit erfuhren, mit der Bonar über Laura und ihren Sohn Dante redete. Erst recht, als wir von dem Zucker erfuhren. Wie perfide, dann die Fotos mit dem Gift über Timos Account zu verschicken! Aber wenigstens deckte es ihre wahre Motivation auf, von der Laura immer noch nichts wissen wollte.
Nebst der spannenden und etwas ungewöhnlichen Krimigeschichte wird aus verschiedenen Perspektiven der Platz einer Frau in der Gesellschaft beleuchtet. Vor allem die Mutterschaft, die Mutter-Tochter-Beziehung, der Feminismus und die Gedanken darüber, was dazugehören oder was ausgeschlossen werden solle wie Gedichte von männlichen Dichtern, wie z.B. Rilke, oder Transfrauen, Transmänner… Diese Gedanken werden in einem Chor vertieft. Das hat mir ehrlich gesagt sehr gut gefallen – aber während des rasanten Schlusses hat mich der Szenenwechsel fast wahnsinnig gemacht! Doch gerade diese Szenenwechsel steigern die Spannung – wie in einem Film.
Der Titel des Buches, Die Zeit der Fliegen, wird noch einmal beleuchtet. Die Zeit vergehe für Fliegen langsamer und für Schildkröten schneller - deshalb vermutlich der Titel. Obwohl ich nicht nachvollziehen kann, wie man als Mensch die Wahrnehmung und Verarbeitung des Zeitgefühls von Tieren bestimmen kann. Vielleicht ist es wissenschaftlich zu begründen, vielleicht auch nur der typische Grössenwahn der Menschheit - jedenfalls: Wenn es stimmt, ist es nur gerecht, denn die Fliegen leben ja deutlich weniger lang.
Laura und ihre Mutter scheinen trotz Unterschiede ein gemeinsames Interesse zu haben: die Fliegen. Die Tochter eher in der Literatur und Philosophie, die Mutter eher real. Und wie so oft sind es die Enkel*innen, die eine erste Verbindung schaffen, wenn eine Eltern-Kind-Beziehung problematisch geworden ist. Ob neue Banden geknüpft werden können sehen wir vielleicht in einem nächsten Buch – in 20 Jahren.
In Pineiras Debüt “Die Deine” war Ines eine selbstbezogene Mutter, die es sich in ihrer Ehe und in ihrer Rolle bequem gemacht hat - ohne Interesse und Empathie für ihre Tochter. Im Buch wurde nicht aufgedeckt, ob ihr perfider Plan, den sie beim Mord an Charo ausgeheckt hatte, aufgehen würde. Mit dem Tod ihrer Rivalin endete die Geschichte. Wir erfahren erst hier wie es weitegering – und Ines machte während ihres Gefängnisaufenthaltes und durch den Schock ihrer Tat eine Transformation durch. Manca erwähnte es in einem Satz, als sie eine aufkeimende Lebendigkeit bei Ines zu spüren bekam, die ihr bisher gefehlt habe (bei ihrem Ausflug in die Fernet-Branca-Bar). Mir gefiel dieses Detail, das zeigt, wie viel mit jemandem passiert, wenn sie mit einer Waffe tötet. Das ist direkt und laut, nicht vergleichbar mit einer Giftmischerin, die vor den Auswirkungen flüchtet.
Mir gefiel auch, wie die Masseurin Ines körperlicher Erstarrung wahrnahm und es schaffte, dass Ines durch Berührungen etwas von ihrer “Rüstung” abzulegen schien und etwas mehr Körpergefühl und Lebendigkeit wahrnehmen konnte. Das hat die Autorin wunderbar eingebaut. Eine Chance, nicht nur in der Welt auch in der Beziehung zu ihrem Körper wieder ihren Platz zu finden. Aus meiner persönlicher Sicht unerlässlich.
Medea, um noch einmal auf die griechische Komödie des Euripides einzugehen, hat, wie Bonar, ihre zwei Söhne getötet und ist dann geflohen. Bonar hat das Leben ihres eigenen Sohnes auf dem Gewissen und das Dantes. Zwei Söhne. Bonar ist hier die Medea, während Ines und Manca zu siegreichen Gegenspielerinnen werden - (anders als in den Mythen). Mir gefällt der Gedanke, dass sie in diesem Singapore schmort und irgendwann merkt, dass ihr diabolischer Plan nicht gelungen ist; Man könnte eine Fanfiction schreiben, in der sie, getrieben von ihrem Wahn, zurückkommt und - wer weiss…
Manca und Ines holen sich mit einer Waffe das Geld vom korrupten Arzt zurück. Das finde ich ehrlich gesagt nicht stimmig, auch wenn es mir emotional eine gewisse Befriedigung verschafft. Das vermeintliche Recht des Opfers, auf gewaltsame “Gerechtigkeit”. Für mich ist es nicht nachvollziehbar, dass Ines so handeln würde. Ines hat eine traumatische Erfahrung mit einer Schusswaffe hinter sich und eine 180 Grad Persönlichkeitsentwicklung gemacht. Ich denke, Ines steht heute an einem anderen Ort und Manca würde nichts machen, das Ines widerstrebt.
Ein schöner Schluss auch am Meer: Ines, die sich Gedanken über die emotionale Lage ihrer Freundin macht und die gruselige Leichengeschichte für sich behält, zieht ihre Hand nicht zurück.
Alles in allem gefällt mir das Buch ausnehmend gut. Ich werde es auf jeden Fall weiterempfehlen und mit hoher Wahrscheinlichkeit noch einmal lesen, weil es möglicherweise noch mehr zu entdecken gibt. Die Leserunde hat mich total inspiriert, eine echt engagierte Gruppe! Danke! – und danke, dass ich dabei sein durfte!