Von Anfang an war ich neugierig auf dieses Buch. Dass der Autor ein genialer Geschichtenerzähler ist, war mir seit der Lektüre von “Jesus. Eine Weltgeschichte” klar. Auch diesmal hat er sich grosse Fragen vorgenommen: Wie tickt der Mensch und wie soll er leben? Welche Erkenntnisse und Erfahrungen überdauern die Informationsflut unserer Zeit? “Maschinen können intelligent sein. Aber nur Menschen können weise sein.” (13) Diesem Potential zur Weisheit ist der Historiker und Journalist in “Jäger des verlorenen Verstandes” auf der Spur.
Ich bin geflasht, wie viel Recherchearbeit in den mehr als 600 Seiten steckt. Thematisch enorm breit gefächert, widmet sich das Buch mal erkenntnisphilosophischen, dann wieder ganz praktischen Fragen, erkundet Weisheit im Individuell-Charakterlichen und verfolgt ihre Spuren in Kirche, Staat und Kultur. Trotz dieser Fülle wirkt jedes Kapitel sorgfältig aufgebaut und durchdacht.
Spiekers Schreibstil ist gewohnt souverän, die hohe inhaltliche Dichte weiss er durch einen locker-unterhaltsamen Ton und sprachlich verdichtende Elemente (vgl. kernige Begriffe wie “Weisheitslegastheniker”) aufzufangen.
Essentielles auf den Punkt bringen - dieses Anliegen widerspiegeln auch die vielen Aphorismen, die Spieker zitiert. Personen aus allen möglichen Epochen und Denkrichtungen kommen so zu Wort, was einerseits bereichert - andererseits werden z.T. so viele Zitate aneinandergereiht, dass es einen fast ein bisschen erschlägt. Auch an anderen Stellen verfällt der Text ins reine Aufzählen, z.B. von Filmen und literarischen Werken, in denen der Autor Weisheit aufgespürt hat. Zum Nachschlagen und Stöbern sicher wertvoll, aber zum Durchlesen eine echte Geduldsprobe.
Andererseits ist gerade diese Vielstimmigkeit eine Stärke des Buches. Ich habe zwar seit der Lektüre schon vieles wieder vergessen, aber der Begriff “coincidentia oppositorum” wird mir wohl für immer im Gedächtnis eingebrannt bleiben 😛 Mehrmals kommt Spieker auf dieses Konzept, das das Zusammentreffen von Gegensätzen meint, zurück und konstatiert, dass weise Menschen solche kognitiven Dissonanzen nicht scheuen, sondern sie produktiv zu nutzen wissen.
Doch dazu muss man die gegensätzlichen Stimmen und Ideen überhaupt erst anhören, was ich wahrscheinlich schon lange nicht mehr so intensiv gemacht habe. Darin liegt für mich auch der Wert des Buches: nicht primär in den ‘Resultaten’ der “Weisheitsschule”, sondern in der Einladung, selbst mal genauer hinzuhören. Der Text macht Lust, Geschichte zu studieren. Oder einfach mal wieder einen guten Klassiker aus dem Regal zu nehmen.
Der Glaube ist in diesem Buch stets präsent, aber meinem Empfinden nach nicht immer zentral. Hier hat mir persönlich etwas gefehlt, wohl deshalb, weil ich von einer bibel- und christuszentrierten Weisheit ausgegangen bin, während es dem Autor laut eigener Aussage mehr um “Menschenweisheit” (13) ging. Einige Themen hätte ich denn auch ganz anders bewertet, und die Behandlung von Glaubensfragen (wie z.B. Gericht, Bibelverständnis) fand ich z.T. recht unbefriedigend.
Trotzdem habe ich das Buch mit Gewinn gelesen. Ich danke dem Autor und dem Verlag herzlich für diese intensive, spannende Erfahrung!
(Werbung, Rezensionsexemplar)