Wenn dein ganzes bisheriges Leben auf einer Lüge basiert - wie einsam muss man dann sein?
Wenn du nur dem nächsten Klick, dem nächsten Follow, dem nächsten Like nachjagst - wie viel an dir ist dann noch echt?
Ist es die Aufmerksamkeit wirklich wert alles hinter sich zu lassen?
Fragen, denen sich Isabelle, genannt Isi (deren Alter auf jeden Fall u17 ist, das richtige erfährt man nicht) bisher nie stellen musste.
Isi, die schlagfertige Schlabberlookträgerin.
Isi, die mit dem @rabbitlove4ever Instagramkanal ihres Kaninchens Lilly.
Isi, mit ihrer besten Freundin Yara und dem Dachziegelblues und einem meiner Lieblingssongs in den Ohren.
Isi, die mit ihrem Leben eigentlich ganz zufrieden ist, bis ein Meteor namens Trennung einschlägt und sie der Meinung ist, dass sich jetzt sofort alles ändern muss. Bisher hieß es für sie: Scheiß auf den Planeten und seine Umlaufbahn.
Ab sofort soll sich der Planet allerdings nur noch um sie drehen.
Schuld daran ist die Neue. Die Unerreichbare.
Die Modetussi schlechthin - Kim Galaxy.
Als sie ihr in einer Notsituation Ohr und Schminktäschchen öffnet, ergießt sich eine ganze, große, glitzernde neue Welt vor Isis Füßen.
Und aus Isi wird Easy… wie in voll easy…
Wenn ich diese Geschichte mit ein paar Worten beschreiben müsste, dann würde das Spektrum von erschreckend über real bis hin zu leider wahr reichen.
Für viele mag es eine locker leichte Geschichte sein, die über die Folgen von Social Media Abhängigkeit und der digitalen Welt aufmerksam machen soll.
Etwas, das unterhält, aber man zieht nicht wirklich seine Lehren daraus.
Und wenn ich ehrlich bin, werde ich das auch nicht. Ich bin bereits ausreichend mit dem Thema in Verbindung gekommen und dafür sensibilisiert.
Denn in einem Punkt hat die Autorin leider sehr recht: Likes sind wie kleine virtuelle Bewunderungen für ein Werk, ein Foto, etwas, das man erschaffen hat.
Sie setzen kurzzeitig Euphorie frei. Und das tut gut.
Was nicht gut tut ist jedoch, wenn man davon abhängig ist, so wie Kim.
Was auch nicht gut tut ist, wenn man versucht andere dort mit hineinzuziehen, um nicht mehr alleine zu sein.
Ich bin… erstaunt. Begeistert? Überrascht auf jeden Fall, dass die Autorin es geschafft hat, so viele Themen zu nehmen und sie in so ein kleines Buch zu quetschen. Neid. Missgunst. Eifersucht. Drogen. Lügen. Magerwahn. Freundschaft. Vertrauen. Beständigkeit. Trennung. Kriminalität. Spaß. Natürlichkeit. Normalität. Und am allerwichtigsten: Internetpräsenz und die Instagram - Challenges. Hut ab und meinen Respekt dafür.
Es sind so viele negativ behaftete Themen, die die Autorin in eine Geschichte voller Emotionen und Jugendlichkeit gesteckt hat. Durch die Kürze werden die meisten davon allerdings nur angeschnitten und sind viel zu schnell wieder aus der Welt geschafft. Man könnte ganze Ozeane mit den Diskussionen dazu füllen, aber ich denke nicht, dass das der Sinn der Sache war.
Mit Isi hat die Autorin eine sehr vielschichtige Jugendliche geschaffen, die in kein Klischee zu passen scheint. Was mir neben ihrem sprunghaften Charakter, der zu der Jugend der heutigen Zeit zu passen scheint, noch mehr gefallen hat, waren ihre teilweise wirren Gedanken. Denn das sagt ebenfalls etwas Essentielles aus: Es wird immer Gründe geben, warum Menschen Dinge tun, die für Freunde, Familie und Bekannte nicht nachvollziehbar sind. Immer.
Und manchmal - eigentlich sehr oft - sind diese Gründe ebenso flüchtig wie Isis Gedanken. Im ersten Moment glaubt man noch sehr fest daran, im nächsten steht schon etwas Neues im Fokus. Das machte die Story für mich sehr authentisch.
Ein weiterer Pluspunkt ist die Hoffnung, die die Autorin der Geschichte mitgegeben hat. Wie diese aussieht, kann ich leider nicht verraten, aber sie ist da. Spürbar. Neben einem laufend wie ein zweiter Schatten.
Hoffnung in Bezug auf die Menschlichkeit.
Hoffnung darauf, dass vielleicht irgendwann mal alles gut werden kann, wenn mehr Menschen so denken wie die Protagonisten.
Mitgefühl zeigen. Verständnis.
Hoffnung darauf, dass nicht jeder eine solche beschissene Schulzeit erlebt - Mobbing, Beleidigungen und Enttäuschungen inklusive.
Der Schreibstil der Geschichte ist rasant, umgangssprachlich und doch irgendwie gewählt, sodass man die mitgeteilten Informationen aufsaugen und schnell verarbeiten kann und es gleichzeitig nicht so wirkt, als wäre es nur so daher geschrieben. Kims und Isis Darstellungen sollen schocken, aber auch die Realität aufzeigen. Dass man mehr darauf achten muss, wie sich Teenager definieren und dass sie besser nicht auf die falsche Bahn geraten.
Mit „Instagirl“ hat die Autorin eine erschreckende Wahrheit auf Papier gebannt.
Die Digitalisierung macht vieles besser, einfacher - aber auch so einiges schrecklicher. Furchtbarer. Isis Geschichte ist zwar teilweise humorvoll erzählt, mit sarkastischen Sprüchen und Blödeleien, die zu jeder Jugendzeit dazu gehören - aber es steckt auch eine akute Warnung zwischen den Buchseiten.
Ich kann nicht mal genauer definieren, wem ich diese Geschichte empfehlen würde. Ich kann nur sagen, dass man nicht jedem Trend folgen muss.
Dass nicht alle schlimmen Rückschläge das Leben drastisch ändern müssen.
Und dass Isis und Kims Geschichte eine lesenswerte Auseinandersetzung mit dem sensiblen Thema Instagram und Co ist.