Ein Sohn ist uns gegeben von Donna Leon beginnt mit einer Bitte von Brunettis Schwiegervater. Er sorgt sich um einen alten Freund und bittet den Commissario, ein Auge auf ihn zu haben. Was zunächst wie eine persönliche Gefälligkeit wirkt, entwickelt sich zu einem Fall, der Brunetti tief in die Abgründe menschlicher Beziehungen führt.
Im Mittelpunkt steht dabei weniger die eigentliche Ermittlung als die Frage, wie gut wir die Menschen kennen, die uns nahestehen. Was erfahren wir erst nach ihrem Tod über sie? Wie gehen wir mit Wahrheiten um, die nicht zu dem Bild passen, das wir von einem geliebten Menschen hatten? Und wie verändert sich unser Blick, wenn es um jemanden geht, den wir gerade erst schätzen gelernt haben?
Besonders gefallen hat mir, dass der Roman sehr ruhig und familiär erzählt ist. Gleichzeitig zeigt Donna Leon immer wieder, wie eng Liebe, Loyalität und Gier miteinander verwoben sein können. Brunetti gerät dabei nicht nur einem Verbrechen auf die Spur, sondern auch den Abgründen des menschlichen Herzens.
Ein schöner Nebenaspekt ist der Blick in Brunettis Vergangenheit. Wir erfahren mehr darüber, wie seine Beziehung zu Paola begann, und erleben seine Verbindung zu ihrem Vater aus einer neuen Perspektive. Schade fand ich lediglich, dass dieser Erzählstrang im weiteren Verlauf etwas in den Hintergrund rückt – gerade hier hätte ich mir noch etwas mehr Tiefe gewünscht.
Ein Sohn ist uns gegeben ist ein ruhiger, nachdenklicher Brunetti-Roman über Familie, Erinnerung und die Frage, wie gut wir die Menschen wirklich kennen, die wir lieben. Ein Krimi, der zeigt, dass die größten Geheimnisse oft nicht zwischen Fremden, sondern innerhalb der eigenen Beziehungen verborgen liegen.