Dieses Buch habe ich in kürzester Zeit durchgelesen. Nicht, weil es leicht ist. Im Gegenteil. Es ist hart, traurig und stellenweise kaum auszuhalten. Aber es lässt einen nicht mehr los.
Michelle Halbheer erzählt in ihrer Autobiografie von einer Kindheit, die durch die Drogensucht ihrer Mutter geprägt war. Nach der Scheidung der Eltern kommt sie mit knapp zehn Jahren zur Mutter, die heroin- und kokainabhängig ist und zur sogenannten Platzspitz-Generation gehört. Der Zürcher Platzspitz, damals international als „Needle Park“ bekannt, war Ende der Achtziger- und Anfang der Neunzigerjahre ein trauriges Symbol der offenen Drogenszene in Zürich.
Was Michelle erlebt, ist schwer zu fassen. Sie ist als Kind auf Gedeih und Verderb von ihrer drogenabhängigen Mutter abhängig. Vernachlässigung, Angst, Unsicherheit, Überforderung. Und dazu Behörden, Ärzte, Polizei und Erwachsene, die wegschauten oder zumindest mit der damaligen Situation völlig überfordert waren. Dass Michelle diese Kindheit überlebt hat, grenzt für mich fast an ein Wunder.
Besonders stark fand ich, dass hier nicht wieder nur über Drogenabhängige geschrieben wird, sondern über ein Kind, das mitten in dieser Misere aufwächst. Über die offene Drogenszene in Zürich wurde viel berichtet. Über die Süchtigen, über den Platzspitz, über die Politik. Aber über die Kinder wurde viel zu wenig gesprochen. Genau das macht dieses Buch so wichtig.
Mich hat das persönlich sehr getroffen. Ich war in dieser Zeit indirekt betroffen, durch ein drogenabhängiges Familienmitglied. Dass aber auch kleine Kinder in solchen Verhältnissen lebten, war mir in dieser Form nicht bewusst. Es hat mich schockiert. Und es hat mir nochmals gezeigt, wie viele Kinder damals einfach mitgelitten haben, ohne gesehen zu werden.
Michelle schreibt direkt, ungefiltert und ohne sich zu schonen. Man spürt, dass sie nicht Mitleid will, sondern sichtbar machen möchte, was Kindern aus Suchtfamilien passieren kann, wenn niemand hinschaut. Sie gibt diesen vergessenen Kindern eine Stimme.