Als würde man auf einem fliegenden Teppich sanft auf der Amüsiermeile Paris’ landen - so kam es mir vor mit diesem Roman, der alles hat, was man sich als Leser:in wünscht: Ambiente, illustre Figuren, Karten und Personal sowie Fachbegriffe. Man taucht sofort in die Belle Epoque ein des 19.Jahrhunderts, bekommt spielerisch die (Sozial)Politik mit, den Aufbruch in die Moderne des 20.Jahrhunderts. Und das alles inmitten des Künstlerviertels Montmatre, auf 500 Seiten des 1.Bandes!
Worum es geht? Einerseits um eine aufstrebende Kunstmalerin, andererseits um eine begabte Cancan-Tänzerin. Die eine steinreich, die andere aus dem Arbeitermilieu - wie Prinz und Bettelknabe. Auf jeder Seite war die Dynamik zu spüren, der die Autorin verfiel. So, versuche sie sich selbst in den unterschiedlichen Rollen einer jungen Frau des 19.Jahrhunderts, sei es in einer Männerbastion, der Kunstmalerei, sei es im Amüsiermilieu oder dem harten Leben einer Wäscherin. Alles jenseits unserer modernen Vorstellungen des 21.Jahrhunderts! Aber sie schafft es, reisst die Leser mit, wenngleich man manchmal die Hauptprotagonisten-Paare Valérie/Pascal und Elise/André verwechseln kann. Prinz & Bettelknabe eben, 2 Personen, gleiche Gedanken.
Eine Art Reiseführer in Romanform, wenn man in die Sommerferien ans Meer, nach Frankreich fährt. Hat mich begeistert, aber ich hätte - obwohl sie ja 2 Bände davon geschrieben hat - den Schwerpunkt der Protagonisten eindeutig auf Band 1 oder 2 verlegt, denn so bekam man einen wirren Kopf von Namen und Infos. Die Idee, die beiden Protagonistinnen am gleichen Tag auf die Welt kommen zu lassen, ist clever, aber zuviel des Guten; die beiden laufen sich ja kaum über den Weg. Warum also? Diese beiden hätten auch vertauscht werden können, in der Nachbarschaft geboren werden und dann irgendwie wieder zu ihren richtigen Familien zurückkommen können. Mark Twain hätte das vielleicht sogar geschätzt? Aber daraus dann gleich 600 Seiten Taschenbuch machen - mit einer Fortsetzung desselben Umfangs? Erinnert mich an Ken Follets Trilogien. Statt einer Fortsetzung wäre eine Serie besser gewesen, wo den einzelnen Protagonisten (und Promis, z.B. den Kunstmalern) je ein Band gewidmet worden wäre mit einem Schwerpunkt aus der Zeit. Im letzten Band das schöne grosse Finale, das Bouquet, wo alle Beteiligten vorkommen und der Leser weiss, wer wohin gehört, und wie alles endet oder sich entwickelt hat.
Eiffelturm, Suez- & Panamakanal, Weltausstellung, Bourgeoisie, Adel, Arbeiter, Kleinkunst, Variété, Zirkus, Artisten, Tänzer, Sittenpolizei, Prostitution, Cabarets, Tanzlokale, Maler wie Van Gogh, Pissarro. Manet, Degas, Toulouse-Lautrec - ein Kaleidoskop der Zeit, befreiend und doch zum Nachdenken anregend.
Ich liebe Kunst und Literatur, Politik und Geschichte. Und das bietet der Roman en masse. Und der Buchaufbau war ganz nach meinem Geschmack: Karten, Who-is-Who, Fachglossar und Nachwort, warum und wie Autorin dazu kam. Nein, Mark Twain erwähnte sie nicht mit seinem “Prinz & Bettelknabe”! Mich wundert allerdings, dass die Infos, die eigentlich typisch für einen historischen Roman sind, hier voll eingebracht wurden, ohne vom Lektorat gestrichen zu werden. Hätte das Lektorat seine Arbeit gemacht, der Roman wäre um 40% kürzer geworden, also sich bei 350 Seiten eingependelt - zumutbarer also als 600 Seiten! Die Begeisterung der Autorin für die Zeit und Story war aber auf jeder Seite zu spüren.