Nachdem mich „Enttabuisiert“ vor Kurzem so vollkommen begeistert und als absolutes Highlight zurückgelassen hatte, war für mich sofort klar: Ich muss auch den ersten Band dieser Dilogie lesen. Vor allem das Thema rund um eine Schamanin klang unglaublich spannend und hat augenblicklich meine Neugier geweckt. Obwohl die Bücher unabhängig voneinander funktionieren und in sich abgeschlossen sind, war es einfach wunderschön, beim Lesen ein paar bekannte Gesichter wiederzutreffen. Und was soll ich sagen? Sascha Michael Campi hat mich auch mit diesem Werk wieder komplett von seinem Können überzeugt.
Die Geschichte dreht sich um Kiara Winter, die eine zutiefst traumatische Vergangenheit hinter sich hat. Nach Jahren im Ausland kehrt sie schließlich nach Bern zurück, um sich dort ein völlig neues Leben aufzubauen. Inspiriert von ihrer weisen Mentorin Aponi eröffnet sie eine eigene Praxis und begleitet Menschen als Sexualtherapeutin. Genau dort begegnet sie dem erfolgreichen Immobilienunternehmer John Brand, einem charismatischen Mann, der in der Stadt für seine Vorliebe für Dominanz und seine zahlreichen Affären bekannt ist. Zwischen den beiden entsteht ab der ersten Sekunde eine intensive, fast greifbare Anziehung. Doch während sich ihre Beziehung ganz langsam entwickelt, wird Kiara von den Schatten ihrer Vergangenheit eingeholt. Alte Wunden brechen brutal auf, die Bedrohungen gegen sie nehmen zu und plötzlich scheint jemand alles zerstören zu wollen, was sie sich so mühsam aufgebaut hat. Während John alles daran setzt, sie mit all seinen Mitteln zu beschützen, wird immer deutlicher, dass der wahre Feind viel näher ist, als überhaupt jemand vermutet.
Auch dieses Mal hat mich das gelungene Zusammenspiel aus Kriminalroman und Dark Romance wieder restlos abgeholt. Dem Autor gelingt das Kunststück, beide Genres so geschickt miteinander zu verweben, dass keines das andere verdrängt oder in den Schatten stellt. Die Krimihandlung sorgt für eine durchgehende, nervenaufreibende Spannung, während die Liebesgeschichte und die erotischen Elemente den Figuren echte Tiefe verleihen, anstatt bloßer Selbstzweck zu sein.
Besonders beeindruckt hat mich dabei Kiara. Sie gehört für mich zu den stärksten Protagonistinnen, die mir in letzter Zeit in Büchern begegnet sind. Nach allem, was sie durchmachen musste, hätte sie psychisch komplett zerbrechen können. Stattdessen kämpft sie sich mit einer bewundernswerten Willenskraft zurück ins Leben, findet ihren eigenen Weg und strahlt eine faszinierende innere Stärke aus. Ihre Vergangenheit wird dem Leser nach und nach in kurzen Rückblenden offenbart. Gerade diese Szenen waren teilweise wirklich schwer zu ertragen, weil sie ungeschönt zeigen, wie grausam Menschen sein können. Gleichzeitig sorgen sie aber dafür, dass man mit Kiara von der ersten Sekunde an intensiv mitfühlt und mitleidet.
Auch John hat mir überraschend gut gefallen. Anfangs wirkt er wie der typische, unnahbare Playboy, doch hinter dieser glatten Fassade steckt deutlich mehr. Seine dominante Art fügt sich absolut glaubwürdig und stimmig in die Geschichte ein. Gleichzeitig entwickelt er sich zu einem Partner, der Kiara auf Augenhöhe begegnet, sie zutiefst respektiert und alles daransetzt, ihr ein Gefühl von Sicherheit zu geben. Die Chemie zwischen den beiden stimmt einfach. Die erotischen Szenen bewegen sich dabei deutlich im BDSM-Bereich mit Fesselspielen und einer etwas härteren Dynamik. Sie sind jedoch unheimlich sinnvoll in die Handlung eingebunden und treiben die Charakterentwicklung voran, anstatt lediglich auf billige Provokation zu setzen.
Was den Schreibstil des Autors für mich inzwischen besonders auszeichnet, sind seine genialen Plot-Twists. Bereits im Folgeband hat er mich mehrfach eiskalt erwischt, und auch in diesem Buch tappte ich bis zum Schluss völlig im Dunkeln. Ich hatte zwar während des Lesens einige Vermutungen angestellt, doch die tatsächliche Auflösung und die unerwarteten Verbindungen einzelner Nebenfiguren habe ich absolut nicht kommen sehen. Genau solche unvorhersehbaren Wendungen machen für mich einen erstklassigen Krimi aus.
Trotz der knackigen Länge von nur rund 180 Seiten entwickelt das Buch von Anfang an ein enorm hohes Tempo. Man sollte sich beim Lesen also bewusst sein, dass sowohl die Ermittlungen als auch die Liebesgeschichte schneller voranschreiten als in einem dicken Wälzer. Mich persönlich hat das hier überhaupt nicht gestört, weil die Geschichte konsequent auf dieses Tempo ausgelegt ist und dadurch keinerlei unnötige Längen entstehen. Ein winziger Kritikpunkt bleibt für mich dennoch: Manche Entwicklungen hätten mit etwas mehr Seiten noch ein Fünkchen mehr Tiefe vertragen können. Gerade einige der interessanten Nebenfiguren oder einzelne, emotionale Momente hätten durchaus noch ein bisschen mehr Raum verdient gehabt.
„Chimana“ ist erneut der beste Beweis dafür, wie genial Sascha Michael Campi das Zusammenspiel aus Krimi und Dark Romance beherrscht. Eine unheimlich starke Hauptfigur, spannende Ermittlungen, unvorhersehbare Wendungen, intensive Emotionen und eine perfekt dosierte Prise BDSM ergeben eine packende Geschichte, die ich innerhalb eines einzigen Tages komplett verschlungen habe. Wer temporeiche Bücher mit düsteren Themen, authentischen Figuren und cleveren Plot-Twists mag, sollte hier unbedingt zugreifen. Für mich war dieses Buch ein weiteres, absolutes Highlight des Autors und spätestens jetzt freue ich mich umso mehr auf alles, was als Nächstes aus seiner Feder kommt.