Mit ihrem Buch “Das rocken wir auch noch!” hat Angelika Schwarzhuber “fast einen Liebes Roman” geschrieben. Teilweise ist es ein Roadtrip, auf jeden Fall ein absoluter Wohlfühlroman mit einer Story, die tiefgründig ist und zum Nachdenken anregt.
Angelika Schwarzhuber ist es im zweiten Band ihrer Reihe rund um die Seniorenbetreuerin Tilda gelungen, auf der einen Seite eine lustige Komödie sowie auf der anderen Seite eine sehr emotionale Liebesgeschichte zum Leben zu erwecken. Zunächst bekommt man beim Lesen das Gefühl, dass dies eine lockere und leichte Urlaubslektüre wird, die in Venedig beginnt. Aber das ist weit gefehlt, denn die rüstige, aber eigensinnige Witwe Clementina bekommt von ihrer Familie eine Kreuzfahrt zum 75. Geburtstag geschenkt, hat jedoch ganz andere Pläne. Was zunächst noch als Zufall durchgehen könnte, deckt bald einen raffiniert entwickelten Plan auf: Sie hatte zu keiner Zeit vor, die Kreuzfahrt anzutreten und versucht somit ihr Geburtstagsgeschenk zu boykottieren. Doch als Tilda droht, ihr einen Strich durch die Rechnung zu machen, erzählt Clementina ihre eigene sehr besondere Liebesgeschichte, die 1974 in München beginnt.
Der Autorin gelingt es in besonderer Weise, in atmosphärisch Rückblenden den Geist der 70er-Jahre zwischen strengen sowie konservativen Vermietern und den rauchigen Schwabinger Clubs, mit nostalgischen Sinalco-Flaschen und dem Lebensgefühl der Rockmusik einzufangen. Dabei gelingt es ihr, das Knistern zwischen der jungen Clementina und einem Musiker in wunderschöner Art und Weise sehr glaubwürdig rüberzubringen. Beim Lesen konnte ich in Erinnerungen aus meiner Kindheit schwelgen, was ein etwas wehmütiges Gefühl hinterlassen hat.
Die Leserschaft erkennt, dass es sich um eine großartige Dynamik der Generationen handelt, denn die harmonische Chemie zwischen der pflichtbewussten und zugleich leicht panischen Tilda und der fest entschlossenen Clementina ist sehr eindringlich geschrieben. Teilweise habe ich mitgelitten, wenn Tilda vor einer wichtigen Entscheidung stand, während ich auch die“ mit dem Kopf durch die Wand“-Mentalität von Clementina bewundert habe.
Die Autorin schreibt angenehm flüssig, modern und in einem sehr bildhaften Stil. Sie macht das Urlaubsflair Venedigs mit allen Sinnen greifbar, so dass ich beim Lesen fast schon die italienische Pizza gerochen habe, das Plätschern der Gondeln hören konnte und die warme Frühlingssonne auf der Haut gespürt habe.
Angelika Schwarzhuber zeigt nicht nur ein großartiges Gespür für das richtige Timing, sondern entwickelt auch sehr tiefgründige Charaktere. Tilda ist bodenständig, wirkt sehr empathisch und kommt als professionelle Seniorenbetreuerin verantwortungsbewusst rüber. Nach einem für sie sehr harten Jahr hat sie sich erfolgreich in die Selbstständigkeit gekämpft. Sie braucht in ihrer Arbeit unbedingt eine Struktur, sorgt sich dabei rührend um ihre Klienten und versucht, stets einen kühlen Kopf zu bewahren. Durch ihre noch relativ frische Liebe zu dem liebevollen Tontechniker Philip bekommt die Story eine extra Prise Romantik.
Clementina ist 75 Jahre geworden und für mich die heimliche Heldin der Geschichte. Auf den ersten Blick wirkt sie als verwitwete, leicht gehbehinderte Seniorin auf Tilda wie eine umgängliche ältere Dame. Doch die Seniorin hat einen sehr klaren und scharfen Verstand, weiß genau, was sie will, und sie lehnt die Abhängigkeit von Social-media und Smartphones ab. Ihre Pudeldame Layla verleiht mit ihrem roten Halstuch und ihren Knopfaugen der Geschichte einen besonderen Charme und sorgt als treueste Gefährtin von Clementina für tolle und lustige Slapstick-Momente. Durch Layla bekommt die Geschichte einen sehr persönlichen und angenehmen Touch.
Die Spannung lebt von den lebendigen Dialogen, welche auch die Geschichte immer weiter fortführen, Probleme ansprechen, aber auch Lösungen präsentieren. Während Angelika Schwarzhuber das große Ziel mit immer wieder kleinen Hemmnissen infrage stellt, entsteht beim Lesen eine emotionale Achterbahnfahrt. Man freut sich mit den beiden Hauptprotagonisten, wenn es scheint, als würde ab jetzt alles gut laufen und wird genauso mit zurückgeworfen, wenn der eingeschlagene Weg in einer Sackgasse endet. Es ist der Autorin gut gelungen, ein passendes Wechselspiel zwischen der Außen- und Innenwelt der Charaktere zu schaffen. So bewegt sich der Spannungsbogen von äußerer Action hin zu inneren Konflikten und auch der Nebenstrang lässt ein tiefes Verständnis für die Handlungen und Motivationen der Protagonisten aufkommen und das bereitet ebenso viel Spannung, wie die über allem stehende Frage.
Beim Lesen ist mir jedoch auch klar geworden, dass ein wichtiges Thema, welches hier angesprochen wird, die Selbstbestimmung im Alter ist. Clementina ist zwar 75 Jahre alt und auch, wenn sie ein wenig gehbehindert ist, im Kopf ist sie völlig klar. Wahrscheinlich besteht tatsächlich oftmals ein Konflikt darin, dass die Kinder von älteren Menschen sich Sorgen machen und meinen, zu wissen, was für die Eltern das Beste ist. Aber: Keiner weiß es! Und in diesem Fall weiß Clementina genau, was sie will und was nicht. Also ist es an Tilda, zu entscheiden, ob sie Clementina die Möglichkeit gibt, ihren Wunsch zu erfüllen - oder ob sie sich an den Auftrag des Sohnes gebunden sieht. Es ist in der Realität oftmals keine leichte Entscheidung und so finde ich es gut, dass dieses Buch neben einer schönen und romantischen Geschichte im Wohlfühlstil dieses wichtige Thema in den Fokus nimmt!
Fazit: Zwar ist es manchmal ein schmaler Grat, in welchem die Geschichte sich zwischen “es ist theoretisch möglich” und “stark geschönt” bewegt. Trotzdem berührt mich die Story sehr und reißt mich mit. Es ist auch nicht der Sinn, dass die Geschichte in das Genre „Dokumentation einer Liebesgeschichte“ abgleiten soll, sondern für mich wirkt sie wie ein modernes Märchen. Zufall, Schicksal und an der richtigen Stelle ein wenig Glück, eine Geschichte, die Hoffnung gibt. In unserer heutigen Zeit brauchen wir alle Hoffnung, ein Quäntchen Glück und ein “es könnte doch so schön sein”-Gefühl. Und das Gefühl gibt mir dieser Roman, was auch der Grund ist, warum ich dieses Genre lese und liebe:-) Ich konnte das Buch gar nicht mehr aus der Hand legen und ich kann es guten Gewissens weiterempfehlen und mit 5 Sternen bewerten!