Manchmal stolpert man über ein Buch und weiß schon nach den ersten Seiten, dass man es nicht mehr aus der Hand legen wird. Genau so ging es mir mit „The Faraway Hostel“ von Sofia Selma. Was oberflächlich wie eine klassische Enemies-to-Lovers-Liebesgeschichte klingt, hat sich für mich beim Lesen als ein sehr tiefgründiger und emotionaler Roman entpuppt, der mich zum Lachen, Weinen und heftigen Mitfiebern gebracht hat.
Der Schauplatz der Geschichte liegt in Neuseelandland, genauer gesagt in Queenstowns. Und die Autorin weiß, wovon sie spricht, denn sie selbst ist im Anschluss an ihre Schulzeit in Neuseeland gewesen. Das ist nicht nur daran zu spüren, dass sie die Atmosphäre sehr authentisch und glaubhaft beschreibt, sondern wie es ihr gelingt, das neuseeländische Setting zum Leben zu erwecken. Ob das tosende Wasser beim Canyoning, die geschichtsträchtige Goldgräberstadt Arrowtown, die gezeichneten Charaktere im Pub bei einer Tafel Whittaker’s-Schokolade oder die magische Nacht am Seeufer unter dem Kreuz des Südens. Die Kulisse ist nicht als schmückendes Beiwerk zu verstehen, sondern wir sehen die Gefühlswelt der Protagonisten in den einzelnen Szenen, als würden wir in einen Spiegel schauen. Die Gegensätze zwischen der unberührten Natur und den Hotelplänen, sind gut strukturiert und auch der jeweilige Konflikt in den einzelnen Situationen ist zu erkennen.
In der Geschichte steht Kat, die Tochter des Gründers vom Hostel “Pinkie”, die nach dem Tod ihres Vaters das Hostel mit aller Kraft und in seinem Sinne weiterführt. Auf der anderen Seite ist Lian, der schon äußerlich einem erfolgreichen Geschäftsmann entspricht und im Hotel seiner Eltern arbeitet. Beide wirken völlig unterschiedlich und es scheint fast so, als gebe es keine Gemeinsamkeiten, bis sie sich auf einer von Lian geführten und organisierten Wandertour kennenlernen, und die Achterbahnfahrt der Gefühle beginnt…
Was mir besonders gefallen hat, ist, dass im Grunde die beiden Hauptprotagonisten bei genauem Hinsehen gar nicht so unterschiedlich sind. Im Gegenteil, sie sind sich sogar viel ähnlicher, als es zunächst scheint. Es entsteht nicht nur immer wieder eine neue Dynamik, zum Beispiel, als Kats Mutter im “Pinkies” auftaucht oder an der Stelle, als Lian Kat beichtet, wie seine familiäre Situation tatsächlich aussieht, sondern es entsteht auch eine enorme Tiefe.
Auch die Charakterzeichnung ist Sofia Selma sehr gut gelungen. Die beiden Hauptprotagonisten sind mit Kat, die perfekt unperfekt wirkt und entweder flieht oder mit dem Kopf durch die Wand möchte, aber eine große Loyalität ihrem Team gegenüber zeigt, gut eingefangen. Und auch Lian, der zu Anfang die Vorurteile von Kat ertragen muss, ist eigentlich ein sehr freundlicher, anständiger Mensch, der seine Zeit am liebsten in der Natur verbringt. Durch seine Lese-Rechtschreibschwäche, seine familiären Pflichtgefühle gegenüber seiner Mutter und auch seine ehrliche, verletzliche Seite sorgt dafür, die Leserschaft für sich einzunehmen.
Und ebenso gut passen auch die Nebencharaktere, wie zum Beispiel May, die sehr kreativ ist, jedoch zur Zeit von Liebeskummer geplagt wird und auch Ed, der von Kat gleich zu Anfang ihrer Hostel-Übernahme eingestellt wurde, ebenso wie ihre Großmutter Nan, die zwar resolut wirkt, aber ihr Herz am rechten Fleck hat und stets für Kat ein offenes Ohr hat.
Sofia Selma hat einen angenehmen, lockeren sowie flüssigen Erzählstil. Durch die Erwähnungen von Piwakawaka-Vögeln, den majestätischen Remarkables und das neuseeländische Hokey Pokey-Eis macht sie die Kulisse sehr lebendig. Des Weiteren ist ihr Schreibstil sehr bildhaft, was anhand von Metaphern, wie zum Beispiel Kats Vorahnung, die sich wie ein „hässlicher Film aus Öl um die Organe legt“, oder auch Lians Berührung, die eine „Zündschnur zur Körpermitte legt“, bewiesen wird. Und auch die Liebesszenen im Hostel sind weniger spicy, sondern geschmackvoll, intensiv und bringen dabei das emotionale Knistern rüber. An den passenden Stellen setzt die Autorin schlagfertige Dialoge humorvoll um.
Was den Spannungsaufbau betrifft, so wechselt sich im Laufe der Geschichte zum Beispiel ein intimer Moment mit dem Erkennen der Realität ab. Je weiter die Story voranschreitet, steigt ebenso die Spannung, da ich als Leserin nun auch wissen möchte, wie werden die Probleme gelöst, wenn sie denn gelöst werden. Und gibt es für alles eine Lösung bzw. wie entkommen die Protagonisten einer verfahrenen Situation. Und auch die Frage, ob es eine Wendung geben wird, ist lange Zeit offen und fordert geradezu zum Weiterlesen auf.
Fazit: Das Buch beinhaltet unterschiedliche Tropes, wie zum Beispiel “Enemies-to-Lovers”, “David gegen Goliath” und auch “Found-Family”, was diese romantische Geschichte sehr lesenswert macht. Ich bin von den bildgewaltigen Beschreibungen der Natur und der Kulissen beeindruckt, ebenso wie dem Hintergrundwissen, so dass ich jetzt Fernweh bekommen habe. Für mich ist es eine gute Urlaubslektüre, die Lust auf die Fortsetzung “Return to the Faraway Hostel” macht.