Morgen kann kommen von Ildikó von Kürthy beginnt mit einem einzigen Foto – und daraus entwickelt sich eine Geschichte über Verletzungen, Familie, Freundschaften und die Frage, wie ein Leben wieder in Bewegung geraten kann.
Mit grosser Ehrlichkeit erzählt Ildikó von Kürthy von Menschen, die Verletzungen mit sich tragen und lange geschwiegen haben. Gerade diese Offenheit macht den Roman manchmal schwer auszuhalten und gleichzeitig unglaublich authentisch. Die Figuren wirken so lebendig, dass man das Gefühl hat, ihnen morgen im Zug begegnen zu können.
Besonders beeindruckt hat mich, wie kunstvoll die Lebenswege der Figuren miteinander verwoben sind. Immer wieder begegnen sich Menschen, deren Geschichten auf überraschende Weise miteinander verbunden sind – oft, ohne dass sie es selbst ahnen. Trotzdem wirkt keine dieser Begegnungen konstruiert. Im Gegenteil: Gerade diese Verbindungen verleihen dem Roman eine besondere Tiefe.
Im Mittelpunkt steht Ruth und ihr Weg, Vergangenes loszulassen und wieder ins Leben zu finden. Dabei zeigt das Buch eindrücklich, wie wichtig es ist, miteinander zu sprechen, bevor Schweigen Gräben entstehen lässt. Gleichzeitig erzählt Ildikó von Kürthy von Freundschaften, die nicht daraus entstehen, dass Menschen sich schon ewig kennen, sondern aus Ehrlichkeit, Vertrauen und der Bereitschaft, füreinander da zu sein, wenn es wirklich zählt.
Wer bereits Eine halbe Ewigkeit gelesen hat, wird sich freuen, Ruth hier auf ihrem eigenen Weg zu begleiten. Obwohl ich ihr späteres Leben bereits kannte, hat das der Geschichte nichts von ihrer Spannung genommen – im Gegenteil, sie hat die Figur für mich noch greifbarer gemacht.
Morgen kann kommen ist ein ehrlicher, berührender Roman über Verletzlichkeit, Freundschaften und die Kraft schicksalhafter Begegnungen. Eine Geschichte, die zeigt, dass manchmal ein einziger Moment genügt, um viele Leben miteinander zu verbinden – und dass die wichtigsten Menschen nicht immer diejenigen sind, die uns am längsten kennen.