Yesteryear hat mich zwiegespalten zurückgelassen. Den ersten Teil des Buches fand ich unglaublich packend – ich wollte unbedingt wissen, was hinter Natalies Geschichte steckt. Im zweiten Teil verlor die Handlung für mich jedoch etwas an Tempo und wirkte stellenweise etwas langatmig.
Relativ früh hatte ich den Eindruck, dass Natalie sich in einem psychischen Ausnahmezustand befindet und Realität und Fiktion immer stärker miteinander vermischt. Dass sich am Ende herausstellt, dass sie aus einer Art Busse heraus das von ihr erschaffene Leben – mit all seinen Schattenseiten – tatsächlich leben muss, hat mich dennoch überrascht. Besonders erschreckend fand ich, dass sie ihre älteren Kinder vollständig aus ihrer Erinnerung verdrängt hat. Wie kann eine Mutter so etwas vergessen? Diese Vorstellung hat mich lange beschäftigt.
Natalie wirkt auf mich wie ein Mensch, der nie wirklich irgendwo angekommen ist. Trotz ihrer vielen Entscheidungen scheint sie ständig auf der Suche nach einem Leben zu sein, das sie glücklich macht. Am Ende empfand ich sogar Mitleid mit ihr. Alle ihre Kinder sind entweder von ihr getrennt worden oder haben sich von ihr entfernt. Zurück bleiben nur ihr ungeliebter Mann und eine ungewisse Zukunft – ein trauriges Ende für eine Figur, die letztlich vor allem an sich selbst und ihren Entscheidungen scheitert.
Ich finde allerdings, dass auch die Familien von Natalie und Caleb eine Mitverantwortung tragen. Beide schienen eher erleichtert zu sein, das junge Paar weit weg zu wissen, anstatt ihnen wirklich Halt zu geben. Calebs Familie unterstützte sie zwar finanziell, doch hatte ich den Eindruck, dass dies vor allem den eigenen Interessen diente. Wirklich hingesehen oder Verantwortung übernommen hat letztlich niemand.
Besonders nachdenklich gemacht hat mich das Thema Tradwives und die Manosphere. Gerade Letztere begegnet mir leider auch in der Schweiz immer wieder, und ich sehe deren gesellschaftliche Auswirkungen mit Sorge. Deshalb fand ich es spannend, dass das Buch dieses Thema aufgreift und zeigt, wie problematisch solche Rollenbilder sein können. Ich hoffe sehr, dass diese Strömungen in Zukunft wieder an Bedeutung verlieren.
Insgesamt hat mich Yesteryear trotz einiger Längen zum Nachdenken gebracht. Es ist ein Buch, das psychische Gesundheit, Identität, Verantwortung und gesellschaftliche Rollenbilder auf interessante Weise miteinander verbindet und deshalb noch lange nach dem Lesen nachwirkt.