Das war für mich ein interessanter und atmosphärischer Auftakt einer Trilogie. Das ungewöhnliche Setting hat mir sehr gefallen. Die Welt des Zirkus ist mir persönlich ziemlich fremd, deshalb fand ich es spannend, in diese Welt einzutauchen.
Die Grundidee ist super: eine junge Frau, die sich nach Freiheit, Selbstbestimmung und einem anderen Leben sehnt. Berthas Entscheidung, ihren bisherigen Weg hinter sich zu lassen, fand ich grundsätzlich stark und mutig. Gleichzeitig muss ich sagen, dass ich beim Lesen nicht immer wirklich gespürt habe, warum sie ausgerechnet vom Zirkusleben so sehr angezogen wird, dass sie dafür alles aufgibt. Für mich wirkte es eher so, als würde sie sich vor allem für einen Menschen entscheiden und dadurch dann auch für den Zirkus. Das ist nicht per se schlecht, aber etwas anderes, als ich aufgrund des Klappentextes erwartet hatte.
Überhaupt wird auf dem Klappentext mit einer „epischen Liebesgeschichte“ und dem Weg zu Freiheit und Selbstbestimmung geworben. Das finde ich im Nachhinein etwas zu dick aufgetragen. Die Liebesgeschichte ist wichtig, keine Frage, aber für mich war sie nicht ganz so episch, wie angekündigt. Und auch Berthas Weg zur Selbstbestimmung hat mich zwischendurch frustriert, weil sie teilweise sehr passiv wirkt und Entscheidungen, die ihr eigenes Leben betreffen, zu stark anderen überlässt. Gerade weil sie am Anfang so viel Mut zeigt, hatte ich mir erwartet, dass sie diesen Willen später konsequenter beibehält.
Der Erzählstil hat mir leider nicht besonders gefallen. Es gibt immer wieder Zeitsprünge, bei denen man vor vollendete Tatsachen gestellt wird, statt den Weg dorthin richtig miterleben zu können. Dadurch konnte ich nicht so mitfiebern, wie ich es gerne getan hätte. Auch die Satzstellung fand ich an manchen Stellen etwas holprig, aber das lag an der deutschen Übersetzung.
Trotzdem hatte das Buch für mich viele starke Momente. Besonders die emotionalen Szenen haben gut funktioniert. Trauer, Verlust und Enttäuschung werden sehr fühlbar geschildert, und einige Nebenfiguren sind mir wirklich ans Herz gewachsen. Auch die Entwicklung gegen Ende mochte ich, weil sie bittersüss war: traurig, aber gleichzeitig auch hoffnungsvoll. Ich war froh über Berthas Errungenschaften und darüber, dass sie am Ende doch noch einen eigenen Platz in dieser Welt findet.
„Wir waren Artisten“ ist für mich kein perfektes Buch, aber eines mit einem besonderen Schauplatz, einer schönen Atmosphäre und viel Gefühl. Ich hätte mir mehr Handlung, weniger sprunghaftes Erzählen und eine aktivere Protagonistin gewünscht, aber ich habe das Buch trotzdem gerne gelesen.