Als ich „Der kleine Sanddornhof – Träume im Muschelstieg“ von Julia Reymers aufgeschlagen habe, dachte ich erst, mich erwartet die klassische, ein bisschen seichte Ponyhof-Romantik. Aber weit gefehlt! Das Buch hat mich ab der ersten Seite gepackt und ist für mich ein absolutes Lese-Highlight des Sommers.
Die Story dreht sich um Svea, eine 35-jährige Marketing-Expertin aus Hamburg, die eigentlich voll im strukturierten Großstadtleben steckt. Als der Pächter des alten Gutshofs ihrer verstorbenen Eltern stirbt, fährt sie ins beschauliche Dorf Muschelstieg. Ihr Plan ist es, in drei Wochen Urlaub alles schnell neu zu verpachten und dann zurück in ihr Leben nach Hamburg zu fahren. Doch dann wird ein traumatisiertes Pferd namens Fiete auf dem Hof ausgesetzt, und Sveas perfekt durchgeplante Welt bricht komplett zusammen. Muschelstieg ist einfach ein Ort zum Verlieben, auch wenn er fiktiv ist und irgendwo bei Timmendorf an der Ostsee liegt.
Julia Reymers beschreibt die Kulisse so lebendig, dass ich beim Lesen fast den Salzgeruch in der Nase und das Meeresrauschen im Ohr hatte. Im Dorf kennt jeder jeden und genau das, hat beim Lesen etwas total Gemütliches und Warmes, bringt aber natürlich auch die typische soziale Kontrolle eines kleinen Nestes mit sich. Der Hof selbst ist anfangs völlig heruntergekommen und von wildem Sanddorn überwuchert. Es war wunderschön zu verfolgen, wie sich dieser Ort im Laufe der Story von einer schmerzhaften Erinnerung in eine lebendige Zuflucht für Tiere verwandelt. Wenn der Küstenwind draußen peitschte, habe ich mich mit den Dorfbewohnern in der „Muschelklaus“ oder am Kiosk gefühlt.
Svea als Hauptfigur war mir sofort sympathisch, weil sie eben nicht perfekt ist. Sie leidet seit einem schweren Jugendunfall unter heftigen Schuldgefühlen und Panikattacken. Ihre Entwicklung vom Kontrollfreak hin zum Loslassen ist der Autorin richtig gut gelungen. Sie schreibt feinfühlig, authentisch und ohne in den typischen Liebesroman-Kitsch abzudriften.
Und Jannes, der Meeresförster, ist mal kein glattgelackter Traumprinz, sondern ein bodenständiger, naturverbundener Typ mit dem Herz am rechten Fleck. Das Prickeln zwischen den beiden hat mich echt mitgerissen.
Mein heimliches Highlight waren aber die Tiere. Das sensible Pferd Fiete und das freche Shetlandpony Willi stehlen den menschlichen Charakteren zwischendurch glatt die Show! Was mir besonders gut gefallen hat, war die Spannung. Es gibt einige Geheimnisse im Buch, wie zum Beispiel, wer Fiete ausgesetzt hat oder was die quirlige Camperin Lina verbirgt, die mich bis zum Schluss zum Weiterblättern gezwungen haben.
Das Sommerfest im Buch ist dann der absolute Wendepunkt, an dem die Emotionen und das Drama rund um Sveas Trauma richtig hochkochen. Julia Reymers schreibt wunderbar flüssig, modern und baut tolle Bilder im Kopf auf. Sie schafft den Spagat, ernstere Themen anzusprechen, fängt das Ganze aber immer im richtigen Moment mit einer gehörigen Portion trockenem, norddeutschen Humor wieder auf. Die Dialoge klingen einfach echt und lebendig. Auch die Zeitsprünge in Sveas Vergangenheit passen perfekt und machen ihr Handeln absolut greifbar.
Fazit: „Der kleine Sanddornhof“ ist die perfekte Sommerlektüre, die aber auch ans Herz geht. Ein Buch über Mut, Vertrauen und den Mut zur Veränderung. Ich habe jetzt richtig Lust auf eine Fortsetzung! Und als kleines Schmankerl gibt es ganz hinten im Buch sogar noch Sveas Erdbeerkuchen-Rezept zum Nachbacken. Unbedingte Leseempfehlung!