Manchmal reicht ein wunderschönes Cover, ein viktorianisches Setting und ein Hauch Gothic-Vibes aus, um mich vollkommen in den Bann zu ziehen. Genau so ging es mir mit ‘Das Korsett’. Es war mein erstes Buch von Laura Purcell, und nach dieser Lektüre verstehe ich absolut, warum sie als eine der Königinnen der modernen Gothic Fiction gefeiert wird. Dieses Buch hat mich emotional komplett aufgewühlt, permanent wütend gemacht und meine sensible Seele leidet ehrlich gesagt immer noch ein bisschen nach. Genau deshalb werde ich diese Geschichte so schnell nicht vergessen.
Dorothea Truelove ist eine junge Frau aus wohlhabendem Hause, die sich lieber mit Wissenschaft und der Erforschung des menschlichen Gehirns beschäftigt, als sich den starren gesellschaftlichen Erwartungen ihrer Zeit zu beugen. Bei ihrer Arbeit im Oakgate-Gefängnis begegnet sie der jungen Schneiderin Ruth Butterham, die wegen Mordes einsitzt. Ruth behauptet steif und fest, dass ihre Nadelstiche eine übernatürliche, tödliche Kraft besitzen. Sie beginnt, Dorothea ihre Geschichte zu erzählen: eine Chronik aus bitterer Armut, Verrat, Grausamkeit und unvorstellbarem Leid. Während Dorothea verzweifelt versucht, die psychologische Wahrheit hinter den Behauptungen zu ergründen, verschwimmen die Grenzen zwischen Opfer und Täter immer mehr.
Dieses Buch hat mich stellenweise regelrecht fassungslos zurückgelassen. Vor allem Ruths Schicksal hat mich tief im Herzen getroffen. Aus purer Verzweiflung wird das junge Mädchen von ihrer eigenen Mutter an eine Schneiderin verkauft, um ihr überhaupt eine Überlebenschance zu sichern. Doch statt in Sicherheit landet Ruth in einem regelrechten Horrorhaus. Die psychische und körperliche Gewalt, die sie dort ertragen muss, war unheimlich schwer zu ertragen. Laura Purcell beschreibt das viktorianische England so plastisch und eindringlich, dass ich den Schmutz und die Armut förmlich riechen konnte. Alles wirkt schäbig, eng, dreckig und zutiefst bedrückend. Man spürt die bleierne Erschöpfung der jungen Mädchen, die rund um die Uhr die Nadel schwingen müssen, und diese allgegenwärtige Angst vor Krankheiten, Intrigen und der sozialen Ungerechtigkeit.
Genial gelöst ist der Wechsel zwischen den Perspektiven von Ruth und Dorothea. Beide Frauen könnten aus völlig unterschiedlichen Welten stammen, und doch verbindet sie viel mehr, als man anfangs ahnt. Dorothea habe ich für ihren Mut bewundert, gegen den Strom zu schwimmen. Ruth hingegen hat mir einfach nur das Herz gebrochen.
Ab der Hälfte zieht die Spannung massiv an. Man glaubt, die Monster der Geschichte längst entlarvt zu haben. Doch die Autorin beginnt dieses Bild langsam und qualvoll zu zerbrechen: Sind alle Täter wirklich schuldig? Sind alle Opfer vollkommen rein? Oder verbirgt sich dahinter ein weitaus komplexeres psychologisches Geflecht? Die letzten zweihundert Seiten habe ich regelrecht inhaliert. Die Charaktere sind meisterhaft vielschichtig gezeichnet. Sie sind gebrochen, mitfühlend, listig, arrogant oder völlig hoffnungslos. Genau diese Grautöne machen die Story so intensiv. Der Schreibstil ist elegant und passt perfekt in die Epoche, ohne jemals altbacken oder schwerfällig zu wirken. Die Handlung baut sich bewusst langsam auf, um die Atmosphäre atmen zu lassen, bevor sie einen mit voller Wucht trifft. Wer einen rasanten Thriller sucht, braucht zu Beginn vielleicht etwas Geduld. Für mich hat sich dieser langsame, dichte Aufbau jedoch jede Sekunde ausgezahlt.
Und dann dieses Ende… Ich hatte eine leise Vermutung, und lag gleichzeitig meilenweit daneben. Als ich dachte, ich hätte das Rätsel gelöst, kam diese letzte, finale Wendung und hat mich sprachlos zurückgelassen. Das Geniale? Purcell überlässt es uns selbst, zu entscheiden, ob hier tatsächlich das Übernatürliche seine Finger im Spiel hatte oder ob alles eine ganz andere, rationale Erklärung besitzt.
‘Das Korsett’ ist kein gewöhnlicher Thriller. Es ist eine düstere, beklemmende und unglaublich atmosphärische Tragödie über Macht, weibliches Leid, Manipulation und die Frage, wie schnell Wahrheit und Wahnsinn miteinander verschmelzen. Ein Buch, das wehtut, das wütend macht und das man nach dem Zuklappen erst einmal sacken lassen muss. Eine absolute Leseempfehlung!