Wir sind Stacheln im Fleisch. Eindringlinge. Wo immer wir sind, bildet der Körper Eiter um uns. Wir stecken im Körper und berühren ihn doch nicht.
S. 135
Es fängt gut an, denn selbst das blosse Existieren ist schön. Die Eltern leben gutbürgerlich und sind gebildet. Doch dann kommt der Krieg und die Reise nach Deutschland. Wo die Hügel grün und die Städte grau sind, wohnt die Familie in einer Plattenbausiedlung und einem Kopf voller Bücher. Weder das Studium der Mutter noch das des Vaters möchte der deutsche Staat anerkennen. Stattessen fährt der Schriftsteller Taxi und die Soziologin stiehlt Maiskolben vom Feld, um wenigstens ein bisschen Heimatduft aufzufangen. Inzwischen geht Reza zur Schule. Aber wo andere Zugehörigkeit erfahren, ist er der bunte Vogel. Als er Freunde findet und bemerkt, dass man sich durch Gewalt Respekt erlangen kann, nützt ihm auch die gute Erziehung durch die Eltern nichts mehr.
«Als wir Schwäne waren» ist ein Buch über einen Zugvogel, der zum Stehen verurteilt ist. Und es ist ein Buch über die Grausamkeit der Strasse und die Sanftmut eines Gewalttäters. Ein Junge aus dem Iran muss seine Heimat verlassen und zwangsläufig eine andere finden. Doch die neue Heimat ist nicht seine. Zuhause ist er nicht mehr derselbe und wohin er kommt, bleibt er fremd. Reza fühlt sich wie «ein Stachel im Fleisch», wie «Eindringlinge». Fast fühlt es sich an, als würde der Körper ihn abstossen. Was daraus hervorspriesst ist eine unglaubliche Wut. Eine Wut auf den Rest der Welt, die ungezügelt jeden trifft, der sich ihm in den Weg stellt. Nur, um endlich gesehen und anerkannt zu werden. Und vielleicht, um Gerechtigkeit zu erschlagen. Tief berührend zeichnet uns der Autor ein ehrliches Bild von Deutschland aus Sicht einer Person mit Migrationshintergrund.
Was bleibt uns, wenn man uns alles nimmt, was wir kennen?