Yesteryear war für mich eine ziemlich ungewöhnliche und stellenweise echt verstörende Lektüre. Es ist eines dieser Bücher, die man nicht unbedingt liebt, aber trotzdem kaum aus der Hand legen kann. Die Geschichte hat mich neugierig gemacht und immer wieder überrascht.
Im Mittelpunkt steht Natalie, eine Figur, die alles andere als sympathisch ist. Sie ist sarkastisch, überheblich und oft schwer zu ertragen. Trotzdem fand ich sie spannend und für ihre Verhältnisse meist nachvollziehbar. Auf mich wirkt sie wie eine sehr verunsicherte und instabile Person, die verzweifelt nach Sicherheit und Orientierung sucht. Und irgendwie fand ich ihre Art teilweise sogar unterhaltsam. Wie sie flucht und im nächsten Moment den Herrn um Vergebung bittet, hat schon etwas Komisches. Auch ihre Versuche, selbst im echten Leben ihr perfektes Online-Image aufrechtzuerhalten, nur um dann ins nächste Fettnäpfchen zu treten, haben mich mehr als einmal schadenfroh grinsen lassen.
Besonders interessant fand ich, wie Natalie sich immer mehr in die Rolle der perfekten «Trad Wife» hineinsteigert. Statt ihren eigenen Weg zu finden, versucht sie, sich selbst und ihre Familie in ein Idealbild zu pressen. Was als Sehnsucht nach traditionellen Werten beginnt, wird zunehmend zu einer Inszenierung. Irgendwann hatte ich das Gefühl, dass sie selbst gar nicht mehr weiss, was echt ist und was nicht.
Auch die Wechsel zwischen der Gegenwart und dem Jahr 1855 haben mir gut gefallen. Die beiden Zeitebenen zeigen auf unterschiedliche Weise, wie Frauenbilder und gesellschaftliche Erwartungen entstehen und weitergegeben werden.
Die Auflösung fand ich insgesamt gelungen. Nicht alles war für mich völlig stimmig, aber das hat mich gar nicht gestört. Vielleicht ist der Spagat zwischen der perfekten Online-Version und der Realität schlicht nicht möglich, ohne einiges zu verdrängen. Am meisten beschäftigt hat mich die Frage, wo wir selbst versuchen, Erwartungen zu erfüllen und einem bestimmten Bild zu entsprechen. Yesteryear ist für mich eine schräge, unterhaltsame Geschichte, die zum Nachdenken anregt.