Ich bin total fasziniert von diesem Buch. “Muttergehäuse” ist kein allgemeines Buch über Frauen, Mutterschaft oder Kinderwunsch. Es erzählt sehr genau von einer bestimmten Frau, die Mutter werden will, deren Körper aber nicht mitmacht. Und Gertraud Klemm macht aus ihr keine sympathische, traurige „gute“ Frau, sondern eine sehr menschliche Figur: wütend, neidisch, verbittert, klug, verletzlich und manchmal auch unangenehm.
Gerade das fand ich stark. Der Text beschreibt nicht einfach die objektive Gesellschaft, sondern die Wahrnehmung einer Frau, die sich ausgeschlossen fühlt. Überall sieht sie Mütter, Kinder, Körper, Erwartungen. Und aus dem Kinderwunsch wird etwas, das sich in alles hineinfrisst: in die Sprache, in den Alltag, in den eigenen Körper.
Das Buch ist leider kurz – aber eigentlich sage ich das nur, weil ich es so gut fand und gern noch länger darin geblieben wäre. Gleichzeitig ist es extrem verdichtet, und genau das mag ich sehr. Ich mag verdichtetes Schreiben sowieso sehr, und hier passt es für mich perfekt. Die Kapitel sind kurz und wirken oft wie harte Schnitte. Es wird grundsätzlich linear erzählt, aber nicht ausladend. Ein Ereignis folgt dem nächsten, doch die Übergänge bleiben oft ausgespart.
Zwischen manchen Kapiteln stehen zudem kurze Traumstücke. Auch sie wirken nicht wie bloße Einschübe, sondern sind eng mit dem verbunden, was die Erzählerin erlebt. In ihnen kommt oft noch einmal auf eine andere, dunklere Weise hervor, was im normalen Erzählen schon angelegt ist: Angst, Körper, Gewalt, Scham und Ausgeliefertsein.
Klemm schreibt bitter, direkt, sarkastisch und manchmal fast brutal komisch. Sie schreibt über Demütigung, ohne jammerig zu werden. Gerade nach manchen kurzen Kapiteln musste ich wirklich anhalten und nachdenken, weil auf wenigen Seiten unglaublich viel steckt.
Besonders stark fand ich auch den Teil über Adoption und Bürokratie. Das hat mich richtig wütend gemacht. Klemm zeigt sehr genau, wie unterschiedlich leibliche Elternschaft und adoptive Elternschaft behandelt werden: Dort Körper und Selbstverständlichkeit, hier Papier, Prüfung, Kurse und Misstrauen.
Für mich ist das ein absolutes Highlight. Sprachlich und inhaltlich. Gertraud Klemm erzählt nicht einfach von Kinderwunsch und Adoption; sie zeigt, wie sich ein unerfüllter Wunsch in Wahrnehmung, Körperbild, Sprache und Denken hineinfrisst.
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