Yesteryear gibt seinen Leser:innen ein Blick hinter die Kulissen der erfolgreichen Tradwife-Influencerin Natalie Heller Hills. Dort läuft nämlich überhaupt nicht alles so rund, wie die Online-Natalie ihren Followerinnen gerne zeigt und das trotz zahlreicher, unsichtbarer Helferlein in Form von Nannys, Hilfsarbeitern auf der Farm und einer Produzentin. Doch dann wacht Natalie eines Tages auf und findet sich in der brutalen Realität des Farmlebens wieder: weder Strom, noch fliessendes Wasser, ein gewalttätiger Ehemann und viel harte Arbeit.
Natalie ist mit ihrer übertriebenen Gottgefälligkeit und ihrer Überheblichkeit kein sympathischer Charakter, was sie aber umso interessanter macht. Beim Lesen schwanke ich zwischen Abneigung und Mitgefühl für ihre turbulente Reise. Das Buch fängt ihre Gedankengänge und die Entwicklung ihrer Persönlichkeit sehr gekonnt ein, sodass man einen wunderbaren Einblick in ihr immer paranoideres Inneres bekommt.
Die Zeitreise in die Vergangenheit, die uns genauso ratlos wie Natalie hinterlässt, zeigt auf, wie egozentrisch sie wirklich ist. Durch verschiedene Erinnerungen an ihre Vergangenheit wird klar, warum Natalie gewisse Entscheidungen getroffen und Charakterzüge entwickelt hat. Die Frage danach, wofür man selbst verantwortlich ist und was durch Sozialisierung entsteht, versteckt sich immer wieder zwischen den Zeilen, nicht nur beim Thema Männlichkeit und Weiblichkeit.
Mir hat das Buch während des Lesens sehr gut gefallen. Es ist eindrücklich geschrieben und die Frage danach, was hier genau abgeht, machte das Buch bis zum Schluss spannend. Leider fand ich die Auflösung zu diesem Rätsel eher platt und muss sagen, dass die Verwirrung, wo Natalie gelandet ist, nur als Stilmittel genutzt wurde, um eine gewisse Spannung einzubringen. Der Einblick in Natalies Kopf hat das Buch für mich lesenwert gemacht, ich hätte mir aber alles etwas unaufgeregter gewünscht.