Ich habe das Buch im Rahmen von Bookcircle gelesen. Der Austausch darüber war ausgesprochen anregend und hat mich persönlich dazu gebracht, über die Beziehung zwischen Mensch und Natur intensiver nachzudenken.
Unklar bleibt für mich, inwieweit Sylvain Tesson bewusst mit den Erwartungen seiner Leser spielt: Die äussere Gestaltung des Buches – insbesondere die Karten und Fotografien – legt nahe, es handle sich um einen klassischen Reisebericht. Diese Erwartung unterläuft Tesson jedoch, indem er weniger eine äussere als vielmehr eine innere Reise schildert.
Die einzelnen Kapitel erscheinen wie Miniaturen, die – Brandungspfeilern gleich – für sich stehen. Zusammengehalten werden sie vor allem durch Tessons assoziative Gedankenführung. Dabei spannt er immer wieder einen weiten Bogen und stellt Verbindungen zu Philosophie, Kunst und Literatur. Leider ist es ihm nicht gelungen, mich auf seine Reise mitzunehmen. Mir ist während der Lektüre ein Zitat von Behzad Karim Kani in den Sinn gekommen: «Wir verdichten und vereinfachen, damit die Dinge Sinn machen, und weil Sinn eine Geschichte braucht, setzen wir Punkte in das Chaos, die wir zu Linien verbinden.» Genau an diesem Punkt hätte ich mir von Tessons Buch mehr gewünscht – mehr Geschichten, die diese Linien auch wirklich sichtbar werden lassen.
Bei der Bewertung schwankte ich lange zwischen zwei und drei Sternen. Durch die Besprechung in der Leserunde hat sich meine Sicht auf das Buch verändert. Durch die verschiedenen Aspekte, die andere Lesende eingebracht haben, erscheint mir das Buch nun in einem neuen Licht – daher 3 Sterne.