Es beginnt mit einem karikierten Einblick in die Scheinwelt einer rechtgläubigen Influencerin. Natalie vermarktet ihre Traumfamilie als Influencerin auf Social Media. Als traditionelle gottgläubige Frau ist sie sehr überzeugt von sich selbst und belächelt die anderen, gewöhnlichen oder gar feministischen Frauen. Sie lebt mit Mann und 4 Kindern auf einer Farm, wo nach alter Tradition gearbeitet und gelebt wird, die High-Tech Geräte sind versteckt und sehr nützlich. Die Schattenseiten ihrer Vorzeigefamilie verbirgt sie gekonnt und wähnt sich in absoluter Überlegenheit. Doch dann fühlt sie sich zurückversetzt in die Einwandererzeit voller Entbehrungen und Kälte, vor allem fühlt es sich an wie in einem bösen Traum. Ihr Leben ist hart, sie zweifelt an ihrer eigenen Identität und erkennt ihre Kinder und ihren Mann nur schemenhaft, will fliehen, alles hinter sich lassen, was in ein wenig langfädigen Passagen ausgeführt wird.
Eingeflochten sind Erinnerungen und Erzählungen ihres bisherigen Lebens, ihrer Zeit im College, wo sie verächtlich und angewidert auf die gewöhnlichen Mitstudentinnen mit ihrem ausschweifenden Leben und den alkohol- und sexgesättigten Partys herabschaut, aber auch von diesen gedemütigt und links liegengelassen wird. Die Geburt ihrer ersten Tochter erlebt sie traumatisch und beginnt an ihrer Traumehe zu zweifeln.
«Und doch war es unverkennbar: Diese Ehefrauen und Ehemänner und Kinder waren glücklicher als alle, mit denen sie zur Uni gegangen war. Diese Familien waren fliessbandfunktional. Diese Ehen waren superkleberstabil». (137).
Die perfekte Welt der Online-Natalie und die schmutzig – kalte der Offline-Natalie klaffen immer weiter auseinander, und es wird immer unwahrscheinlicher, dass Licht- und Schattenwelt am Schluss zusammenfinden, dass die hochglanzpolierte Influencerseite mit der düsteren, schmutzigen Seite zusammenfinden kann. Wird Natalie ihre beiden Seiten integrieren können? Und wie geht’s mit Mary und den andern Kindern weiter? Wie werden sie diese extremen Gegensätze verdauen. Von Caleb, ihrem Mann, ganz zu schweigen, der wird recht dumb oder gewalttätig dargestellt. Sympathisch sind mir eigentlich keine der Personen, alle sind so ziemlich überzeichnet. Die Aufsplittung in zwei gegensätzliche Welten scheint mir ein Stilmittel zu sein, um die innere Zerrissenheit, den Zwiespalt zwischen Online-Glanz und innerlich kochender Wut darzustellen, und man darf gespannt sein, wann und wie sich dies in Natalie entladen wird.
Dabei ist die «Licht» oder Online–Natalie schon sehr überzeugt von sich selbst, von ihrer Mission, überheblicher und selbstgerechter geht’s nicht mehr: «Caleb zu heiraten, war kein Fehler gewesen, kein dummer Schachzug. Nein. Im Gegenteil: Es war der Beginn einer göttlichen Mission. Wir waren in diese Welt gekommen, um einander zu lehren, wie man lebte». (164)
Auch in ihrer Schattenwelt fühlt sie sich besonders, verhält sich immer so, als wäre sie vor laufender Kamera: «Ich werde beobachtet, rufe ich mir in guten wie an schlechten Tagen in Erinnerung». (230)
Ziemlich unlogisch dann das Safran- und Pilze sammeln im Winter, wo alles tief eingeschneit ist (265).
Was alles für Bullshit in sogenannten Coachings- und Selbstermächtigungsseminaren verkauft wird, was für teures Geld dahergeschwurbelt wird, zeigt das Beispiel von Tammy: «Tammy zufolge war die grösste Macht des Planeten die Himmlische Christliche WeiblichkeitTM». (270)
Irgendwie merkt Natalie dann doch, dass sie nicht nur die eitle Vorzeigechristin ist: «Ich war auch verstört. Tatsächlich war verstörend das einzige Wort, mit dem sich der Abgrund beschreiben liess, der zwischen der Frau klaffte, die ich sein sollte, und der, die ich gerade war». (305)
Und so ist es nur logische, dass die gute Online-Natalie ihre Mission nicht heil überleben wird, dass sich Licht- und Schattenseite nicht finden werden. Dann stossen diese Welten aufeinander, und alles wird aufgelöst. Aufgelöst? Auch jetzt noch erscheint mir das ganze Setting nicht ganz stimmig. Klar, die einzelnen Abschnitte und Episoden beschreiben humorvoll, bitter und pointiert eine Wirklichkeit, wie sie offenbar vor allem in den USA vorkommt: Die Tradwife- Retrowelt, verflochten mit den Machenschaften von Finanzhaien und machthungrigen, unfähigen Politikern, das scheinheilige pseudochristliche Getue, all die Selbstrechtfertigungen und Verklärungen der eigenen Idealwelt und logischerweise Verurteilungen aller Andern und deren Lebensweise.
Mich hat das Buch ehrlicherweise nicht begeistert, es war stellenweise interessant, aber auch teils langatmig und nicht immer leicht verständlich. Nun ja, so überlassen wir die Yesteryear-Ranch nun ihrem Schicksal, und so äussert Mary ganz am Schluss: «Du sollst wissen, dass es mir leidtut, dass du dich auf der Yesteryear Ranch so verloren hast». (460)