Die Geschichte der Reta Winters heißt im Original Unless, was schon zeigt, dass der deutsche Titel eine andere Richtung nimmt. Im Mittelpunkt steht Reta, deren Tochter Norah plötzlich ihr Studium abbricht und mit einem Schild mit dem Wort „Güte“ auf der Straße sitzt.
Für mich ist das kein Roman, der vor allem von seiner Handlung lebt. Am stärksten ist er dort, wo Reta denkt: über Güte, Literatur, Frauen, Ausschluss und darüber, warum Frauen in der Geschichte und im literarischen Kanon so oft nicht vorkommen. Da wird der Roman wirklich interessant. Norah wird dabei fast zu einer radikalen Frage an die Welt: Was passiert mit einem jungen Menschen, der vielleicht zu viel sieht oder zu viel fühlt?
Der Stil ist eine Art Bewusstseinsroman. Reta springt zwischen Gegenwart, Erinnerungen, Schreiben, Übersetzen, Familie und Reflexionen hin und her. Das funktioniert oft gut, manchmal war es mir aber auch zu ausufernd. Ich hätte mir an manchen Stellen mehr Verdichtung gewünscht und weniger Abschweifungen.
Der Mittelteil hat mich wirklich beschäftigt. Dort liegt für mich die eigentliche Stärke des Buches. Der Schluss dagegen hat für mich nicht zum Mittelteil gepasst. Nach all den großen Gedanken und Fragen wirkt er zu einfach, fast so, als müsse die Geschichte nun einfach irgendwie beendet werden.
Trotzdem hat das Buch vieles, das ich sehr gerne gelesen habe: kluge Gedanken über Güte, weibliche Unsichtbarkeit, Literatur und darüber, wie Frauen aus der Geschichte der Größe herausgeschrieben werden. Für mich bleibt aber auch Ärger zurück, weil der Schluss dem starken Mittelteil nicht gerecht wird.