Grave Empire von Richard Swan hat mich völlig überrascht. Ich habe bereits zwei Bände seiner Empire of the Wolf-Trilogie gelesen und sehr gemocht, aber dieser Trilogie-Auftakt hat sogar noch besser gefallen.
Normalerweise lese ich nur selten Horror, doch hier hat die Mischung für mich perfekt funktioniert. Das Buch enthält düstere Elemente wie Untote, Körperhorror, Krieg und einige wirklich verstörende Szenen. Gleichzeitig steht der Horror nie allein im Mittelpunkt oder wirkt wie ein Selbstzweck. Stattdessen fügt er sich nahtlos in eine faszinierende Welt voller Geschichte, Religionen, politischer Spannungen und gesellschaftlicher Umbrüche ein.
Das Worldbuilding war für mich eines der absoluten Highlights. Richard Swan erschafft eine detailreiche Welt mit ungewöhnlichen Völkern und Kulturen. Es gibt Casimire, Wolfsmenschen, die im Meer lebenden Stygionen, Meerwesen, religiöse Konflikte, Nekromantie und eine Gesellschaft an der Schwelle zur Industrialisierung. All das wirkte erfrischend anders als viele klassische Fantasywelten und hat mich von Anfang an in seinen Bann gezogen.
Die Geschichte wird aus drei Perspektiven erzählt. Renata war dabei ganz klar meine Lieblingsfigur und auch diejenige mit dem spannendsten Handlungsstrang. Eine andere Perspektive hat mich stellenweise regelrecht frustriert und die Haare raufen lassen… allerdings hatte ich dabei das Gefühl, dass genau diese Reaktion vom Autor beabsichtigt war. Besonders gelungen fand ich, wie menschlich alle Figuren gezeichnet sind. Niemand ist vollkommen gut oder böse, stattdessen bewegen sich die Charaktere in moralischen Grauzonen und treffen mal und mal weniger nachvollziehbare, aber oft schwierige Entscheidungen.
Die Verbindung aus düsterer Fantasy, Horrorelementen, Flintlock-Fantasy, Nekromantie, religiösen Konflikten und politischen Intrigen ergibt etwas, das sich bemerkenswert eigenständig anfühlt. Die Handlung hat mich so gefesselt, dass ich das Buch kaum aus der Hand legen konnte.
Das grösste Kompliment, das ich Grave Empire machen kann: Direkt nach der letzten Seite habe ich sofort zum zweiten Band gegriffen und diesen inzwischen ebenfalls verschlungen habe. Das passiert bei mir äusserst selten.
Für mich ist Grave Empire ganz klar eines der bisherigen Jahreshighlights und eine uneingeschränkte Empfehlung für alle, die düstere, intelligente und atmosphärische Fantasy lieben.
Hinweis: Vorkenntnisse der früheren Reihe sind nicht zwingend notwendig. Die Handlung spielt rund 200 Jahre später. Zwar gibt es einige Anspielungen und kleine Easter Eggs für Leser*innen der ursprünglichen Trilogie, diese sind aber nicht entscheidend für das Verständnis der Geschichte.