… aber einem auf Dauer ermüdenden Setting, das nicht frei von Kontroversen für mich war. Aber von Anfang:
In Rafik Schamis neuem Roman erzählt Nadim Suri im Krankenbett seine Lebensgeschichte und wie insbesondere die Frauen in seinem Leben dieses prägten. Zuhörer und Chronologist von Ich-Erzähler Nadim ist wiederum der Schriftsteller und Übersetzer/Dolmetscher Said Mardini. Beide haben einen ähnlichen biografischen Hintergrund wie Autor Schami, hier fliessen somit Fiktion und Realität auf unkenntliche Weise ineinander.
Was mich am Buch begeistert, sind die Verknüpfungen zu den politischen Entwicklungen in den arabischen Ländern der letzten gut 90 Jahre. Schamis Protagonisten lassen sich zwischenzeitlich beide über die Ignoranz ihrer europäischen Bekannten diesbezüglich aus – was mich immer wieder an meine vielen eigenen blinden Flecke erinnert. In dieser Hinsicht würde ich unbedingt empfehlen, das Buch in physischer Form zu lesen, um Jahreszahlen, Ereignisse und die beteiligten Personen besser im Gedächtnis zu behalten.
Mühe hatte ich hingegen mit dem Setting: Nadims Erzählung ist ein ununterbrochener Dialog. Das sorgt für ein konstante und flüssiges Erzählen, jedoch reiht sich dadurch eine Anekdote (und eine Frau) unhinterfragt an die nächste. Manche davon brachten mich zum Lachen. In ihrer Anhäufung empfand ich sie aber als ermüdend. (Dem lässt sich natürlich abhelfen, indem das Buch zwischenzeitlich zur Seite gelegt wird ;-)) Nadim verwendet immer wieder recht vulgäre Ausdrücke, gleichzeitig stösst es ihm unangenehm auf, wenn andere dies tun. Auch stehen die Vulgarität in starkem Kontrast zu seiner sonst (bemüht) philosophischen/poetischen Erzählweise. Er berichtet von den Vorurteilen, die ihm in Deutschland als Araber begegnet sind, jedoch tragen die früheren Erlebnisse «seiner» Frauen, die er hier schildert, zu diesen Vorurteilen teilweise wieder bei. Als Erzähler löste er bei mir Widerstände aus.
Es gab somit einige Aspekte, mit denen ich mich bei der Lektüre schwergetan habe und ich kann das Buch auch nicht uneingeschränkt empfehlen. Bemerkenswert bleibt es jedoch als Leuchtturm gegen europäische Ignoranz. Als Chronik eines Lebens, das in seiner ganzen Verworrenheit und Tragik im Angesicht der politischen Entwicklungen der letzten Jahrzehnte sicher kein Einzelfall ist. Als Chronik einer Kultur, weit toleranter als die europäische. Und als eine Hymne an die Lyrik.