In ihrem historischen Roman „Die Verlorene“ gibt Michèle Minelli der Schneiderin Frieda Keller eine Stimme und beleuchtet einen realen Kriminalfall aus dem Jahr 1904, der mich zutiefst erschüttert hat.
Worum geht es?
Frieda wird im Jahr 1900 von ihrem eigenen Vater zum Arbeiten in ein Gasthaus geschickt. Dort nimmt das Schicksal seinen grausamen Lauf: Sie wird vom Schuhmacher Carl Zimmerli im Wirtshauskeller vergewaltigt. Ausgenutzt, gedemütigt und völlig allein gelassen in ihrer Scham und Verzweiflung, bringt sie ein Kind zur Welt.
Die nackten Zahlen der damaligen Realität machen fassungslos:
• 1,80 CHF pro Tag für die kantonale Gebäranstalt.
• 5,00 CHF pro Woche für den kleinen Ernstli in der Kinderbewahranstalt Tempelacker.
In einer ausweglosen finanziellen und gesellschaftlichen Notlage sieht Frieda irgendwann keinen anderen Ausweg mehr und tut das Schlimmste.
Michèle Minelli beschreibt das Verfahren und die damalige Zeit erschreckend genau. Besonders intensiv wird das Buch durch die Sprache von früher, die hier meisterhaft angewendet wird.