Mit ihrem Buch „Die Bücherfreundinnen – Ein neues Kapitel“ ist Marie Bernstein der perfekte Auftakt für eine Wohlfühl-Reihe gelungen.
Der Schauplatz ist der kleine Ort Herzried, ein malerisches Örtchen in der Ostschweiz im Kanton St. Gallen. Hierher kehrt die Hauptprotagonistin, die 27-jährige Buchhändlerin Aurora („Ro“) nach einem kurzen Familienurlaub in Italien zurück. Was sich zunächst heimelig und cosy anfühlt, besonders die Szenen mit ihrem Schäferhund, dreht sich sehr bald ins Gegenteil, denn die Idylle trügt: Auroras Chefin Susanne gesteht ihr, dass der geliebte, unabhängige Buchladen „Buch & Blatt“ kurz vor der Pleite steht. Gemeinsam mit ihrem flippigen Kollegen Christian und ihren besten Freundinnen – der verträumten Café-Mitarbeiterin Lilly und der quirligen Pensionsbesitzerin Florina – schmiedet Aurora einen Rettungsplan. Und so soll ein extrem kurzfristiges von ihr angesetztes Bücherfestival namens „Blooms & Books“ mitten in den Sommerferien den Umsatz retten. Dabei stellt sich heraus, dass die größte bürokratische Hürde der unfreundliche Bürgermeister Alexander Biener ist, welcher das Projekt blockiert. Allerdings ist es dessen attraktiver, aber undurchsichtiger Sohn Lukas, der Aurora seine Hilfe als Vermittler anbietet, da er seinen Vater möglicherweise überreden kann, dem Festival zuzustimmen. Doch der IT-Spezialist und Hobby-Fahrradmechaniker erwartet dafür als pikante Gegenleistung, dass Aurora ihn als Fake-Date auf eine Sommerhochzeit begleitet. Nach einigen Überlegungen willigt Aurora ein. Somit beginnt eine emotionale Achterbahnfahrt, die das Team bald vor die größte Zerreißprobe ihres Lebens und ihrer Freundschaft stellt.
Marie Bernstein gelingt es in diesem Reihenauftakt durch ihre liebevolle und tiefgründige Charakterarbeit zu glänzen, und den fiktiven Schweizer Ort zum Leben zu erwecken.
Aurora ist die perfekte Identifikationsfigur für die Leserschaft Ende Zwanzig. Sie hat mit typischen kleinen Alltagshürden zu kämpfen, wie zum Beispiel einer Laktoseintoleranz oder einem chronisch leerer Handy-Akku, beweist aber immer wieder, wie sehr sie ihre Arbeit liebt. Ihre Gedanken schwanken herrlich selbstironisch zwischen Vernunft und unkontrollierbarem Herzflattern.
Lukas Biener ist der männliche Protagonist mit Ecken und Kanten. Es wird jedoch schnell spürbar, dass sich hinter seiner kontrollierten Fassade ein Mann versteckt, der unter dem extremen Leistungsdruck seines Vaters aufgewachsen ist und immer noch darunter leidet. Seine tiefe, raue Stimme und seine panische Angst vor Hunden verleihen ihm eine faszinierende, verletzliche Seite. Das „Will-they-won’t-they“ zwischen ihm und Aurora wird psychologisch clever ausgespielt.
Die Dynamik zwischen Aurora, Lilly und Florina, die sich im Gruppenchat „Flo-Ro-Lil“ nennen, bildet die herzerwärmende Grundlage der Geschichte. Sie unterstützen sich ohne Neid, teilen sich stets riesige Portionen Popcorn - und das nicht nur im Kino - und sie schwören sich, dass sie immer zusammenhalten werden. Auch der Kollege von Aurora, Christian, bringt mit seinen wechselnden Haarfarben und seinen popkulturellen Vergleichen eine wunderbare Leichtigkeit in die Geschichte.
Last but not least ist Chino, der treue Deutsche Schäferhund und Auroras Begleiter, mit von der Partie und lockert die Handlung immer wieder tierisch auf. Dass er sein altes Stofftier „Schnuffel“ behütet und beschützt, macht ihn für mich zum heimlichen Liebling der Geschichte.
Marie Bernstein hat einen herrlich flüssigen, bildhaften und modernen Schreibstil. Begriffe aus der Popkultur sowie die Einbindung helvetischer Begriffe (Velo, Gonfi, Twint, Rivella) verleihen der Geschichte eine wohlige, authentische Schweizer Note. Es gelingt ihr meisterhaft alle Sinne anzusprechen. Dabei entsteht das Gefühl, die selbstgemachte Zitronenlimonade im abendlichen Garten förmlich zu riechen und auch die buttrigen Omeletten zu schmecken. Ebenso das Prickeln eines spontanen Stehblues am Seeufer bei Sonnenuntergang wird spürbar dargestellt.
Besonders gut gefallen hat mir, dass neben der Romantik auch ernstere Themen wie zum Beispiel Existenzängste von Kleinunternehmern und mentale Überforderung, sowie ein Burn-out und der damit verbundene soziale Rückzug feinfühlig ihren Platz in der Story finden. Ein besonders schönes und liebevolles Extra ist für mich das wunderbar illustrierte Buch an jedem Kapitelanfang gewesen, welches dem Auge einen tollen optischen Anker bietet. Die darüber eingestreuten fiktiven Zitate, Einkaufslisten oder Radio-Ausschnitte empfand ich persönlich im Lesefluss allerdings manchmal als etwas verwirrend, auch wenn sie der Geschichte eine moderne Note verleihen.
Auch im Spannungsaufbau und dem dramatischen Wendepunkt ist die Autorin mit viel Geschick aus dem gemütlichen „Cosy“-Muster ausgebrochen und hat dabei echte Dramatik ins Spiel gebracht. Während die erste Hälfte von der knisternden Verhandlung des Fake-Datings zwischen Aurora und Lukas geprägt ist, wird das Tempo in der zweiten Hälfte stark und unbarmherzig angezogen. Missverständnisse auf dem Marktplatz entstehen und ein enormer Zeitdruck bringen die Handlung schnell voran, bis die Geschichte in einem schockierenden Wettereinbruch ihren dramatischen Höhepunkt findet. Als Leserin war ich an dieser Stelle ebenso fassungslos wie Aurora und habe von dort an die Seiten regelrecht verschlungen.
Zum Abschluss gibt es als Bonusmaterial den Ablauf des Festivals, was der Geschichte zusätzlich Authentizität verleiht.
Fazit: Marie Bernstein ist es gelungen, ein berührendes und stimmiges Ende der Geschichte zu schreiben, ohne dabei in kitschige Klischees zu verfallen. Die Auflösung des Festival-Debakels wirkt erfrischend und modern und die Liebesgeschichte zeugt von echter emotionaler Tiefe, die weit über ein klassisches Happy End hinausgeht. Es ist eine wunderschöne Liebeserklärung an das Lesen, an die Magie von Buchhandlungen und an die wertvolle Kraft von Freundschaft. Und damit ist noch lange nicht das Ende erreicht, denn wir dürfen uns auf eine Fortsetzung freuen!