Fast Abend, immer noch hell ist für mich ein gut geschriebener, stiller Roman, der vor allem durch seine Atmosphäre und seine feinen Beobachtungen überzeugt. Die Sprache ist klar und flüssig, die Stimmung dicht und zugleich schwebend. Vieles spielt sich im Inneren der Figuren ab, und gerade diese Konzentration auf Gedanken, Zweifel und unausgesprochene Gefühle macht den Text besonders.
Der Roman zeigt eindrücklich, wie komplex Menschen sind: wie sehr wir vergleichen, idealisieren, zweifeln, wie unterschiedlich Innen- und Außenwelt sein können und wie wenig eindeutig Beziehungen tatsächlich sind. Nichts ist schwarz-weiß, und niemand wird übermäßig sympathisch gezeichnet – es wirkt wie ein realistischer Querschnitt durch verschiedene Lebensentwürfe und Haltungen.
Mit wenigen Figuren deckt die Autorin ein breites Spektrum ab und hält uns dabei immer wieder einen Spiegel vor. Das funktioniert sehr gut und macht einen großen Teil der Wirkung des Buches aus.
Der Schluss hingegen hat mich eher ratlos zurückgelassen. Vieles bleibt offen, was grundsätzlich reizvoll sein kann, hier aber für mich wenig Ansatzpunkte bot, um weiterzudenken. Statt inspirierter Offenheit blieb eher ein Gefühl von Unvollständigkeit.
Trotzdem bleibt mein Gesamteindruck sehr positiv: ein leiser, kluger Roman, der viel Raum für Reflexion lässt und lange nachwirkt – auch dort, wo er Fragen offenlässt.