Da die beiden Novellen sehr unterschiedlich sind, muss man sie für mich fast getrennt anschauen.
“Wir töten Stella” ist die stärkere und auch härtere Geschichte. Man muss beim Lesen immer mitdenken, dass sie in den 1950er Jahren spielt. Für verheiratete Frauen war es damals nicht einfach, sich aus einer Ehe zu lösen, schon gar nicht, wenn sie Hausfrau waren und Kinder hatten. Anna lebt mit Richard, einem Mann, der sie längst nicht mehr als eigenständigen Menschen sieht, sondern eher als Besitz. Er hat Affären, nimmt sich, was er will, und sie sieht vieles, schweigt aber.
Das ist das Schlimme an dieser Novelle: Nicht nur Richard ist das Problem, sondern auch Annas Schweigen. Sie erkennt sehr viel, aber sie handelt nicht. Danach gibt sie sich selbst die Schuld, obwohl Richard eigentlich derjenige ist, der zerstört. Genau diese Mischung aus Macht, Wegschauen und Mitschuld fand ich sehr stark, aber auch schwer zu ertragen.
“Das fünfte Jahr” ist ganz anders. Hier geht es um Marili, ein kleines Mädchen im fünften Lebensjahr, das bei den Großeltern aufwächst. Haushofer schafft es wirklich, aus der Wahrnehmung eines Kindes zu erzählen. Das fand ich sehr schön gemacht: kindlich, manchmal zart, aber nie kitschig. Auch hier merkt man leise das patriarchale System, etwa daran, was der Großvater darf und die anderen nicht.
Ein bisschen gestört haben mich in “Das fünfte Jahr” die vielen genauen Natur- und Pflanzennamen. Das ist sicher bewusst gemacht, aber manchmal war es mir etwas zu viel.
Was beide Texte verbindet, ist Haushofers Sprache. Sie wirkt scheinbar schlicht, aber sie beobachtet messerscharf. Vieles wird nicht direkt ausgesprochen, sondern steht zwischen den Zeilen. Gerade dieses Ungesagte macht die Texte stark. Haushofer braucht keine großen Effekte, um zu zeigen, wie Menschen in Rollen, Familien und alten Ordnungen gefangen sind.
“Wir töten Stella” hat mich deutlich stärker getroffen, aber auch “Das fünfte Jahr” zeigt wieder, wie genau Marlen Haushofer schreiben konnte.
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