Mit ihrem Debütroman liefert Stefanie Urbach eine hochexplosive Mischung aus moderner Liebeskomödie, scharfzüngiger Gesellschaftssatire und tiefgründigem Familiendrama. Wer eine klassische, lockere Romanze erwartet, wird hier eines Besseren belehrt – dieses Buch hat Krallen, Köpfchen und eine ordentliche Portion Berliner Schnauze. Zu Beginn der Geschichte entsteht eine gedankliche Karussellfahrt bei der Wanda jedes Detail und jedes Gefühl extrem langatmig durchkaut. Was als „tiefer Einblick“ gedacht ist, wirkt oft wie ein endloser Monolog, der die eigentliche Handlung ausbremst. Als Leserin möchte ich eigentlich wissen, wie es weitergeht, muss mich aber erst durch drei Absätze über ihre „Butterlippen-Theorie“ arbeiten.
Wanda ist eine überzeugte Feministin, die Magnus’ Sexismus im Job hasst. Jedoch wehrt ihr Körper sich. Dass sie seine Lippen als „Butterlippen“ anschmachtet und ihn trotz seines miesen Charakters „abschleppen“ will, zeigt das komische Dilemma vieler moderner Frauen. Man kann jemanden intellektuell ablehnen und ihn trotzdem körperlich begehren. Beim Lesen entsteht schon mal der Eindruck, dass der Feminismus durch den Kakao gezogen wird, was sich im Nachhinein nicht bestätigt, denn es ist mehr die menschliche Inkonsequenz, die hier thematisiert wird. Wanda nutzt feministische Argumente manchmal fast schon als Schutzschild oder Rechtfertigung für ihr eigenes Chaos.
Beim Lesen taucht die Frage auf, wie die Hauptprotagonistin Wanda reagieren würde, wenn das, was sie selbst Magnus antut, ihr von einem Mann angetan wird. Denn sie agiert tatsächlich in einer moralischen Grauzone, und man kann absolut sagen, dass sie Magnus ausnutzt. Oder handelt es sich viel mehr um eine Machtumkehr aus Rache? Weil er sie im Job herablassend behandelt, nimmt sie sich jetzt die Macht über seine Privatsphäre und seinen Körper. Sie macht ihn zum „Objekt“, genau das, was sie ihm in der Werbeagentur vorgeworfen hat.
Wanda merkt jedoch selbst, dass ihr Verhalten „creepy“ ist. Sie steckt in einem Dilemma: Sie will keine „Versagerin“ sein, die einem Mann hinterherläuft, der sie nicht will. Um das zu vertuschen, begeht sie eine Tat, die eigentlich gegen all ihre feministischen Prinzipien verstößt. Sie wird in diesem Moment zur Täterin, um nicht mehr das Opfer zu sein.
Es ist eine klassische „Anti-Heldinnen“-Story. Man kann sie für ihren Witz mögen, aber man muss ihr Verhalten hier kritisch sehen. Sie instrumentalisiert einen hilflosen Menschen für ihre Zwecke. Würde man hier die Geschlechterrollen tauschen, wäre die Empörung unendlich.
Und dann bekommt die Story ihre Wendung, denn zwischen Werbedrehs, Familienfeiern und nächtlichen Autofahrten in ihrem 68er Impala verschwimmen die Grenzen zwischen Kalkül und echtem Gefühl. Außerdem thematisiert das Buch sehr einfühlsam den Umgang mit psychischen Erkrankungen in der Familie und die Angst vor dem eigenen Erbe. Diese Erdung gibt der Geschichte eine Relevanz, die man in diesem Genre selten findet. Und je weiter man in die Geschichte eintaucht, stellt man fest, dass Magnus mehr ist als nur der klassische „Macho-Antagonist“. Die langsame Demontage seiner kühlen Fassade ist einer der stärksten Aspekte des Buches. Die Dynamik zwischen ihm und Wanda ähnelt einem „Tanz auf dem Vulkan“, bei dem man nie sicher ist, ob sie sich gleich küssen oder gegenseitig an die Gurgel gehen.
Magnus wird durch Wandas Chaos demontiert. Er ist ein Produkt seines emotional kalten Elternhauses. Seine Pedanterie ist sein Versuch, Ordnung in einer Welt zu halten, die er nicht fühlt. Seine Wandlung vom „Macho-Chef“ zum verlässlichen Partner zeigt sich nicht durch große Reden, sondern durch stumme, tatkräftige Unterstützung in Wandas Krisen. Es wird deutlich, dass er nicht arrogant, elitär und snobistisch ist, denn im Kern quält ihn eine tiefe Verunsicherung.
Wanda wirkt wie eine moderne Amazone mit einem 68er Chevy Impala als Streitwagen. Wanda definiert sich über ihren Widerstand gegen das Patriarchat, ist aber gleichzeitig Gefangene ihrer eigenen hohen Ansprüche. Ihr Humor ist ihre Rüstung, die sie vor der schmerzhaften Realität der Krankheit ihres Vaters schützt. Sie lernt im Laufe des Buches, dass Schwäche zuzulassen kein Verrat an ihren Idealen ist. Und so ist ihr wortgewaltiges, impulsives sowie kontrollsüchtiges Auftreten mit einer tiefen Loyalität verbunden.
Außerdem gibt es noch die Ex-Kollegen von Wanda, ihren Bruder und seinen Freund, ihre Eltern und Nachbarn. Insgesamt gelingt es Stefanie Urbach perfekt ein Ensemble zu erschaffen, bei dem jede Figur eine Funktion hat. Während die Hauptdarsteller für die Hitze sorgen, liefern die Nebendarsteller das Licht, um die dunklen Ecken der Geschichte (Krankheit, Einsamkeit, Leistungsdruck) auszuleuchten.
Fazit: „Beste männliche Nebenrolle“ ist, wenn man von den langatmigen Passagen absieht, eine Story für alle, die intelligente Unterhaltung mit Haltung suchen. Es ist ein Buch über das Verlernen von Vorurteilen, das Einreißen von Schutzmauern und die Erkenntnis, dass Liebe oft genau dort passiert, wo man sie am wenigsten geplant hat.