Wir begleiten eine Protagonistin, die nach einem schweren Verlust versucht, wieder Halt im Leben zu finden. Dabei verbindet der Roman leise, oft sehr atmosphärische Beobachtungen mit gesellschaftlichen Themen wie Umweltverschmutzung der Meere und Sextourismus. Die Geschichte bleibt bewusst reduziert und konzentriert sich stärker auf Stimmungen und innere Prozesse als auf große äußere Handlung. Die Themen Freundschaft und Trauer - oder eben auch die Trauer um die Freundschaft - sind im Roman allgegenwärtig und verleihen ihm in dieser Kombination etwas Besonderes.
Unter Wasser hat mir insgesamt sehr gut gefallen, vor allem wegen seiner ruhigen, unaufgeregten Art, schwere Themen zu erzählen. Tara Menon schafft es, Trauerbewältigung (oder eben fehlende Bewältigung) sehr subtil und glaubwürdig darzustellen, ohne dabei ins Sentimentale abzurutschen. Gerade die knappe Sprache und die oft zurückhaltenden Beobachtungen passen gut zur emotionalen Verlorenheit der Hauptfigur.
Besonders gelungen fand ich die unterschwellige Gesellschaftskritik. Themen wie Plastikmüll in den Meeren oder Sextourismus in Thailand werden nicht belehrend in den Vordergrund gestellt, sondern ergeben sich organisch aus der Handlung und den Eindrücken der Protagonistin. Dadurch wirken diese Aspekte umso stärker nach und verleihen dem kurzen Roman zusätzliche Tiefe.
Etwas zwiegespalten war ich bei den kurzen surrealen Texten vor den einzelnen Abschnitten. Obwohl sie atmosphärisch interessant geschrieben sind, haben sie für mich keinen wirklichen Zusammenhang mit dem restlichen Buch hergestellt. Sie wirkten eher wie lose eingeschobene Gedankenfragmente und haben meinen Lesefluss teilweise eher unterbrochen als bereichert.
Auch das Ende kam mir zunächst etwas zu abrupt vor. Nach einigem Nachdenken empfinde ich es aber als sehr passend: Der Roman bleibt sich damit bis zuletzt treu, verzichtet auf große Auflösungen und endet genauso zurückhaltend und offen, wie er erzählt wurde. Gerade bei einem so kurzen Buch funktioniert diese Konsequenz letztlich überraschend gut.
Insgesamt ist Unter Wasser ein stiller, atmosphärischer Roman, der weniger durch Handlung als durch Stimmung, Themen und innere Entwicklungen überzeugt. Wer leise, nachdenkliche Literatur mit subtiler Gesellschaftskritik schätzt, dürfte an diesem Buch viel Freude haben.