„Schwindende Welt“ von Sayaka Murata ist eines dieser seltenen Bücher, die man nicht aus der Hand legen kann, obwohl (oder gerade weil) man über das Gelesene zutiefst entsetzt ist.
Das Gedankenexperiment, das Murata hier aufmacht, ist brillant und radikal. Sie entwirft eine Gesellschaft, in der die biologischen Rollen von Mann und Frau sowie die Konzepte von Sex und Fortpflanzung komplett entkoppelt und staatlich neu geordnet wurden. Der „Ekelfaktor“ und die klinische Sterilität dieser Welt sind meisterhaft beschrieben. Ich war so schockiert von der Kälte dieses Systems, dass ich das Buch fast in einem Rutsch durchlesen musste – ich wollte unbedingt wissen, wie die Protagonistin Amane in dieser Umgebung überlebt.
Man begleitet Amane durch ihren Alltag und spürt förmlich, wie sich der Druck der Gesellschaft auf sie auswirkt. Während des Lesens hat sich bei mir eine enorme Spannung aufgebaut. Ich habe bis zum Schluss mitgefiebert und darauf gewartet, dass der Moment kommt, in dem sie endlich ausbricht, kämpft oder eine mutige Entscheidung trifft, um ihre Menschlichkeit gegen den Apparat zu behaupten.
Obwohl mich der Sog der Geschichte bis zur letzten Seite gepackt hat, ließ mich das Ende leider enttäuscht zurück. Murata verweigert den Lesern den befreienden Moment, auf den man so hinarbeitet. Statt einer erhofften Rebellion oder einer Flucht wählt die Autorin einen Weg, der mich unbefriedigt und fast ein wenig wütend zurückgelassen hat.
Ein absolut fesselndes Leseerlebnis mit einem genialen und verstörenden Worldbuilding. Wer dystopische Gedankenexperimente mag, wird dieses Buch verschlingen. Man sollte sich jedoch darauf einstellen, dass man am Ende keine klassische Erlösung findet – Murata bleibt ihrer harten Linie bis zum Schluss treu, auch wenn das beim Lesen wehtut.
4 von 5 Sternen – wegen der grandiosen Grundidee und der Sogwirkung