Für einen Sommer und immer von Julie Lenze habe ich sehr gern gelesen. Der Schreibstil ist leicht, locker und sehr zugänglich, sodass man schnell in Annikas Gedankenwelt eintaucht: ihre Zweifel, ihre Sehnsüchte und vor allem ihre Unsicherheit, wenn es darum geht, endlich ihr eigenes Leben zu führen.
Annika ist eine Figur, die sich lange nach den Erwartungen anderer richtet. Zuerst nach denen ihrer Eltern, später nach denen ihrer besten Freundin. Besonders diese Freundschaft hat mich beim Lesen immer wieder beschäftigt. Ihre sogenannte beste Freundin behandelt sie eher wie eine Untergebene, macht sie klein und nimmt wenig Rücksicht auf ihre Gefühle. Annika merkt das durchaus, wehrt sich aber lange nicht, aus Angst, allein dazustehen. Diese Dynamik fand ich sehr realistisch, auch wenn sie manchmal schwer zu lesen war.
Sehr sympathisch waren mir Annikas Tagträume. Sie lockern die Geschichte auf und zeigen, wie viel Sehnsucht eigentlich in ihr steckt und dass sie sich lange nicht zutraut, diese Sehnsüchte zu erfüllen.
Während Annika sich verliebt und neue Gefühle entdeckt, begleitet sie gleichzeitig ihre Mutter an ihrem Lebensabend. Diese Mischung aus Aufbruch und Abschied erzeugt eine sehr berührende Atmosphäre. Es geht in diesem Buch also vor allem um Selbstfindung: darum, sich selbst treu zu bleiben, den Mut zu haben, eigene Wünsche ernst zu nehmen und Dinge nicht ewig aufzuschieben. Diese Botschaft wirkt nie belehrend, sondern entwickelt sich ganz organisch aus Annikas Erfahrungen. Gleichzeitig gibt die Konfrontation mit der Vergänglichkeit des Lebens der Geschichte eine besondere Tiefe.
Für einen Sommer und immer ist eine ruhige, gefühlvolle Geschichte mit einer bittersüssen Grundstimmung über Mut, Veränderung und die Erkenntnis, dass das Leben zu kurz ist, um sich ständig nach den Erwartungen anderer zu richten. Gleichzeitig ist es ein Buch, das ein warmes Gefühl hinterlässt.