Apokalypsen-Tourismus versus Existenz Sicherung
Zum Inhalt: Flurina Badel, aufgewachsen in Ftan im Unterengadin, beschreibt in «Nebelflüchtige» die schleichende Veränderung einer Bergregion. Häuser gehen an Meistbietende, während bezahlbarer Wohnraum für Einheimische verschwindet. Natur, Kultur und Traditionen werden zunehmend zur touristischen Kulisse.
Das Dorfbild verändert sich sichtbar: geschlossene Fensterläden, zurückgelassene Weihnachtsbäume bis nach Ostern. Badel arbeitet dabei stellenweise mit zugespitzten, bewusst provokativen Bildern, die irritieren und zum Nachdenken zwingen.
Meine Eindrücke: Die kurzen Abschnitte ermöglichen ein flüssiges und angenehmes Lesen. Gerade diese Knappheit verstärkt die Wirkung der Aussagen. Als Einheimische schreibt Badel mit grosser Glaubwürdigkeit – und mit einer Schärfe, die teilweise bewusst herausfordert.
Die Aussage, dass „Menschen zu zerbrechen drohen“, ist für mich keine literarische Übertreibung. Traditionen stehen zunehmend zwischen gelebter Kultur und touristischer Inszenierung. Kritik daran bleibt nicht folgenlos – wer sich exponiert, riskiert soziale Konsequenzen.
Gleichzeitig zeigt sich eine paradoxe Abhängigkeit: Nach Ostern ziehen die Gäste ins Unterland weiter, und für einige Wochen schliessen Restaurants, Hotels und Läden. In dieser Zeit wird sichtbar, wie sehr die Existenzgrundlage vom Tourismus abhängt.
Das Buch hält Einheimischen wie Zweitheimischen gleichermassen den Spiegel vor. Es sind keine Drohgebärden, sondern klare Hinweise darauf, dass der eingeschlagene Weg die eigene Lebenskultur verändern – oder sogar zerstören – kann.
Mein Fazit: Meine Familie hat Wurzeln im Unterengadin, und seit meiner Pensionierung liegt mein Lebensmittelpunkt wieder hier. «Nebelflüchtige», geschrieben von jemandem, der hier aufgewachsen ist, beschreibt eine Entwicklung, an der viele beteiligt sind.
Die zentrale Frage bleibt unbequem: Was macht man, wenn jemand mehrere hunderttausend Franken mehr für ein Haus bezahlt – und damit die Altersvorsorge des ursprünglichen Besitzers sichert?
Zwischen wirtschaftlicher Notwendigkeit und kulturellem Verlust entsteht ein Spannungsfeld, das sich nicht einfach auflösen lässt.
Die schönste Zeit ist die, in der die „Fremdkörper“ fehlen – aber dummerweise auch die Existenzgrundlage.
Dieses Buch hat mich nachdenklich gemacht – nicht nur als Leser, sondern als Teil dieser Realität.