Für mich dreht sich in „Real Americans“ alles um die Frage: Wer sind wir eigentlich? Und genau das zieht sich durch alle drei Teile des Romans.
Zuerst lernen wir Lily kennen, Tochter chinesischer Einwanderer, die zwar klug und arbeitsam ist, aber in eher bescheidenen Verhältnissen lebt. Als sie Matthew trifft, der aus einer sehr wohlhabenden Familie stammt, wird schnell klar, wie unterschiedlich ihre Welten sind. Trotzdem bekommen sie ein Kind, gehen aber bald getrennte Wege. Jahre später begleitet man ihren Sohn Nick auf der Suche nach seinem Vater – und nach sich selbst. Im dritten Teil geht es schliesslich zurück nach China, wo die Geschichte von Lilys Mutter Mai erzählt wird.
Das Buch liest sich sehr flüssig, ich bin wirklich schnell durch die Seiten gekommen. Trotzdem lässt es mich ein wenig ratlos zurück.
Eigentlich eine ganz spannende Ausgangssituation. Leider wird bei den einzelnen Figuren jeweils nur der Anfang der Geschichte erzählt. Bis auf Mai sind mir fremd geblieben. Ich fand sie aber alle spannend und hätte gern noch mehr von ihnen erfahren. Viele Entscheidungen konnte ich nicht wirklich nachvollziehen – besonders Nicks Verhalten gegenüber Lily fand ich schwierig. Auch Matthew und Otto bleiben erstaunlich blass, obwohl diese Figuren viel Potenzial hätten.
Zudem werden viele grosse Themen angeschnitten – Identität, Rassismus, soziale Unterschiede, mit den Konsequenzen von weitreichenden Entscheidungen leben lernen, Genetik –, aber kaum eines wird wirklich vertieft. Das fand ich schade.
Ein Lichtblick war für mich der dritte Teil rund um Mai. Ihre Geschichte in China ist eindrücklich und berührend erzählt. Umso weniger überzeugt haben mich dann die Entwicklungen rund um genetische Eingriffe, die ich teilweise als wenig glaubwürdig empfunden habe. Ich hätte aber auch gern noch mehr von Lily erfahren, warum sie ihre Entscheidungen getroffen hat.
Fazit: Ein gut lesbarer Roman mit spannenden Ansätzen, dem es für mich aber an Tiefe und nachhaltiger Wirkung fehlt.