Typisch amerikanisch – oder vielleicht doch nicht? Die in Kalifornien lebende Autorin Rachel Khong erzählt in ihrem Roman Real Americans die Geschichte von drei Generationen einer chinesischen Einwandererfamilie, die in den 70er Jahren auf der Suche nach einem besseren Leben in die USA kommt. Die drei Teile des Buches sind jeweils einer Generation gewidmet und werden aus der Ich-Perspektive erzählt.
Die Geschichte beginnt mit Lily 1999. Obwohl sie in den USA geboren und aufgewachsen ist, fühlt sie sich nie wirklich zugehörig. Sie findet keinen Zugang zu ihrer Mutter, wirkt oft unsicher und ist stets auf der Suche nach ihrem Platz im Leben. Aus ihrer Beziehung mit dem reichen Matthew geht der Sohn Nick hervor, der im zweiten Teil - ebenso wie Lily - mit Fragen nach seiner Identität konfrontiert wird. Nick wächst mit seiner Mutter in einfachen Verhältnissen auf einer abgeschiedenen Insel in der Nähe zu Seattle auf, bis er erfährt, dass sein Vater aus einer einflussreichen Familie stammt und Erbe eines Pharmaimperiums ist.
Der dritte Teil ist Mai, Lilys Mutter, gewidmet. Mir persönlich gefiel dieser Abschnitt am besten. Vielleicht auch, weil Mais Lebensgeschichte stark von den Ereignissen der Kulturrevolution in China geprägt ist und deutlich wird, wie sehr politische Systeme in einzelne Lebensläufe eingreifen können. Als Wissenschaftlerin widmet sich Mai intensiv der Forschung und Verhinderung von Erbkrankheiten, ohne dabei die Risiken und Gefahren ausreichend zu beachten. Erst als sie erkennen muss, dass sie gescheitert ist und ihr Handeln – gemeinsam mit einer Person aus Matthews Familie – von Selbstsucht geprägt ist, entwickelt sie Schuldgefühle gegenüber ihrer Tochter Lily, die sie für den Rest ihres Lebens begleiten. Besonders gelungen ist das Ende, in dem sich die Geschichten der drei Generationen miteinander verweben.
Rachel Khongs Sprache ist klar, bildhaft und der Schreibstil ist flüssig. Die Figuren stellen die Leserin/den Leser manchmal vor eine Herausforderung, da sie nicht ganz einfach zu greifen sind. Die Autorin wirft immer wieder die Frage auf, wie weit die Wissenschaft die Grenzen inbezug auf Genmutationen verschieben darf. Gleichzeitig stellt sich die Frage, was überhaupt als «echt» gilt und wer festlegt, was «echt» ist. Aus ethischen wie gesellschaftlichen Gründen ein sehr heikles und komplexes Thema, das zum Nachdenken anregt.
Insgesamt ist Real Americans ein eindrucksvolles – streckenweise auch fesselndes – Buch über Herkunft, Familie, Gene, Geld und die Suche nach dem richtigen Platz im Leben.