Nachdem mich die anderen Werke des Autors bereits überzeugen konnten, war ich umso gespannter auf sein Debüt in dieser neu aufgelegten Gesamtausgabe. Und allein die Aufmachung ist schon ein Statement: 610 Seiten, schwarze Schnittkante, Leseband, Illustrationen und eine Karte: atmosphärisch beginnt es hier schon vor der ersten Seite.
Die Geschichte führt uns ins Amerika der Jahrhundertwende, wo ein abtrünniger Anhänger eines dunklen Ordens versucht, die Apokalypse herbeizuführen. Drei sehr unterschiedliche Figuren stellen sich ihm entgegen: Gabriel, Mary und Mike. Ohne wirklich zu wissen, worauf sie sich einlassen, geraten sie in einen Kampf, der weit über das Menschliche hinausgeht. Zwischen Glauben, Schuld, Schicksal und der Frage, was am Ende von ihnen übrig bleibt.
Besonders spannend fand ich den Aufbau der Gesamtausgabe, die in drei Teile gegliedert ist und jeweils aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt wird. Dadurch bekommt jede Figur ihre eigene Tiefe und Stimme.
Gabriel startet als griesgrämiger, arroganter Charakter ohne Erinnerung an seine Vergangenheit. Begleitet von seinem düsteren Pferd Ruin. Seine Entwicklung im Verlauf der Geschichte war für mich sehr greifbar. Mary bringt eine starke, hinterfragende Energie hinein, auch wenn sie manchmal impulsiv handelt. Und dann ist da Mike… noch ein Kind, aber innerlich bereits gezeichnet. Seine Entwicklung ist wohl die tragischste: geprägt von Verlust, Wut und einem ständigen Kampf mit sich selbst.
Was dieses Buch besonders macht, ist die Atmosphäre. Man spürt den Staub, die Hitze, die Trostlosigkeit. Dieser Dark-Western-Vibe zieht sich konsequent durch die gesamte Geschichte. Gleichzeitig ist der religiöse Aspekt sehr präsent: Glaube, Bibel, Engel und Dämonen sind keine Randthemen, sondern zentraler Bestandteil der Handlung. Das verleiht der Geschichte eine zusätzliche Schwere und Bedeutung.
Auch die Brutalität sollte man nicht unterschätzen. Tod, Leid und Gewalt werden hier nicht beschönigt. Das Buch ist roh, stellenweise gnadenlos und definitiv nichts für schwache Nerven.
Besonders stark fand ich auch die wiederkehrende Symbolik, wie den einäugigen Wolf, der immer wieder auftaucht und eine fast schon mystische Verbindung zur Handlung hat.
Trotz all der Stärken gibt es auch Punkte, die mich etwas ausgebremst haben:
An einigen Stellen zieht sich die Handlung, während sie an anderen wiederum fast zu schnell voranschreitet. Die häufigen Schauplatzwechsel haben für Dynamik gesorgt, wirkten auf mich aber teilweise etwas gehetzt. Auch einzelne Charakterzüge, besonders bei Mike, konnten sich etwas wiederholen.
Fazit:
„Sechs Kugeln im Namen Gottes“ ist ein düsterer, kompromissloser Dark-Western-Fantasy-Roman, der mit Atmosphäre, starken Figuren und einer epischen, religiös geprägten Story überzeugt. Trotz kleiner Längen und pacing-Schwächen bleibt es eine intensive Leseerfahrung, die unter die Haut geht und lange nachhallt.