“Stracciatellaküsse”, erschienen im November 2025 im Empire-Verlag, ist der 4. (und letzte?) Band der “Das kleine Café am Gardasee”-Reihe von Sara Pepe. Ich kenne die übrigen 3 Bände nicht, was aber kein Problem ist, “Stracciatellaküsse” kann auch ohne Vorgeschichte gelesen werden. Ich habe das Buch auf einer Bücherplattform als Rezensionsexemplar erhalten, vielen Dank dafür.
Die bunt zusammengewürfelte Clique rund um das kleine Café “Il sogno di Limone” durchlebt kurz vor Saisonende eine Reihe von Veränderungen: Gina muss ihr Leben nach einer Trennung neu sortieren, Luna überlässt ihr ihr WG-Zimmer zieht zu ihrem Freund, Elena und Diego planen die Eröffnung eines eigenen Restaurants, und Enzo ordnet alles seiner Karriere als Spitzenkoch unter. Auf Diego’s Geburtstagsfeier treffen Gina und Enzo zum ersten Mal aufeinander, und spüren von Anfang an eine starke Verbindung und Anziehung - doch diese erste Begegnung steht unter keinem guten Stern. Es entspinnt sich eine Abfolge von Chancen und Missverständnissen, die keine der involvierten Personen kalt lassen können.
Ich bin mit etwas gemischten Erwartungen an das Buch herangegangen - einerseits mag ich das RomCom-Genre sehr gerne, andererseits verleiden mir aber allzu stereotyp erzählte Geschichten sehr schnell. Und ist nicht die inzwischen endlose Reihe an kleinen Cafés, Buchhandlungen, Cottages, und ähnlichen Gebäuden inzwischen allmählich abgefrühstückt? Nun, die Erfahrung war durchaus positiv. “Stracciatellaküsse” ist eine solide RomCom, die liefert was man erwartet. Das Setting am Gardasee ist schön, fliesst aber nur wenig in die Geschichte ein, im Prinzip könnte die Handlung überall spielen. Die “Kuss-Titel” sind eine hübsche Idee, die auch im Buch selber aufgegriffen wird. Die Entwicklung der Beziehung zwischen Gina und Enzo ist schön geschrieben, wenn auch vorhersehbar - das gehört aber bei diesem Genre auch mit dazu und stört nicht. Das Zusammenspiel der verschiedenen Personen ist ziemlich schwierig zu durchschauen - wer ist jetzt wessen Schwester, Bruder, Freund, Freundin, Partnerin oder Partner? Ich glaube, das habe ich bis zum Schluss nicht ganz durchschaut.
Ich empfehle das Buch all jenen, die Freude an leichter, moderner und unterhaltsamer RomCom-Lektüre haben. Es ist nicht mein Favorit in dieser Kategorie, aber es erzählt solide eine sympathische Geschichte.
Was mir nicht so gut gefallen hat ist die Darstellung der Gedankenwelt von Gina: Achtung, Spoiler: Als Gina und Enzo sich kennenlernen, zieht Gina aus einer einzelnen Begebenheit sofort einen falschen - wenn auch verständlichen - Schluss, der einen Grossteil des Buches dominiert und zwischen den beiden steht - es ist der Aufhänger für das Spiel zwischen “ich darf das nicht” und “ich will mich ihm nur noch hingeben”, welches zum Genre dazugehört. Das Problem ist hier, dass Gina die längste Zeit weder den Elefanten im Raum anspricht, noch dass dem Leser klar wird, worum es geht. Vielmehr wird immer in Andeutungen von diesem dunklen Ereignis gesprochen, das dem Leser aber vorenthalten wird. Dem Leser eine zentrale Information vorzuenthalten ergibt dann Sinn, wenn er sich das Wissen anschliessend gemeinsam mit dem oder den Protagonisten erarbeitet. Diese bedeutungsschwangeren Andeutungen hingegen sind nur langweilig. Leider ist das ein “Stilmittel”, das in jüngster Zeit fast überall so eingesetzt wird, meines Erachtens ist das eine falsche Art von Spannungsaufbau (es erinnert an diese kryptischen Facebook-Posts, mit welchen sich Menschen seinerzeit vor ihren Freunden wichtig machen wollten und die nur Insider verstanden haben, in der Art von “Es ist so traurig, wie egoistisch manche Menschen sind” ohne jeglichen Kontext). In der Geschichte hier ist das umso mehr schade, weil das verborgene Thema durchaus wichtig ist und viel mehr Raum verdient hätte. Das hätte man ganz anders spielen können. Auch nicht so ganz überzeugt hat mich die Queerness von Gina: Zu Beginn der Geschichte hat sie eben die Trennung von ihrer Partnerin hinter sich, die sie nach mehreren Jahren verlassen hat. Sie lernt Enzo also frisch getrennt kennen. Hin und wieder scheint ihre nicht festgelegte Orientierung in ihrem schlagfertigen Verhalten durch, was sehr unterhaltsam beschrieben ist. Aber dann verfällt sie Enzo auf so absolut klassische Art und Weise, dass der Eindruck entsteht, ihre Queerness sei eher als Quotenreferenz an den Zeitgeist denn als echter Charakterzug der Hauptdarstellerin in das Buch aufgenommen worden. Auch hier hätte man sicherlich noch mehr rausholen können.