Wir begleiten in Hannah Häffners Roman drei Generationen von Frauen: Liese, Cora und Eva Riessberger, alle gleichermassen hochgewachsen, hager, mit wilden Kraushaaren in unterschiedlichen Rottönen. Ihre chronologisch erzählte Geschichte beginnt in den 60er-Jahren und endet in unserer Gegenwart. Zentrum ist Wittenmoos, ein kleiner, konservativer Ort im Schwarzwald, abgeschnitten vom Rest der Welt, im guten wie im schlechten Sinn.
Das erste Drittel, Lieses Geschichte, ist voll rohem Schmerz, es schmirgelt uns beim Lesen praktisch mit auf: Lieses Wunsch, Cora vor allem und jedem zu beschützen, und die Erkenntnis, dass wir als Eltern dies schlicht nicht können, dass wir oft nur zuschauen und später trösten können, ist vermutlich eine der schwersten Lektionen am Elternsein. Aber wir gehen mit Siebenmeilenschritten durch die Jahre und so ist «Die Riesinnen» vor allem tröstlich: Alle Emotionen, die uns im Moment überwältigend erscheinen, verblassen im Verlauf unseres Lebens. Was bleibt, sind die Menschen in unseren Leben, die uns tragen und halten, mit uns lachen und weinen.
Cora und Eva lernen wir schon als Babys kennen, daher stehen wir irgendwann mit ihnen vor der Frage: Was und wo ist ihr Platz im Leben? Was wollen sie werden? Wer wollen sie sein? Fragen mit dem Potential zur existentiellen Sinnkrise, auf die Hannah Häffner folgende Antwort findet:
«Wer auch immer versucht, erwachsen zu werden und dabei nicht auf unlösbare Widersprüche zu stoßen, wird scheitern. Das Erwachsenwerden, das, wenn man ehrlich ist, vor dem Tod kein Ende findet, ist für unlösbare Widersprüche gemacht.» (S. 357)
Die Autorin spielt mit der Länge ihrer Sätze, dadurch wirken manche Passagen rauer, andere zärtlicher, feinfühliger. Ihre Frauen kehren immer wieder in den Wald, die Natur zurück, aber auch über ihre Körperempfindungen erden wir uns. «Die Riesinnen» sind mir fest ans Herz gewachsen. Hannah Häffners Erzählung und ihre Figuren sind abwechselnd wild, verzweifelt, kraftvoll, entschlossen, und fast immer voll stiller Zuversicht und Liebe zueinander.