Weiter nach Osten von Marlis de Kerangal, 90 Seiten
Da ich in den 1990er-Jahren selbst einmal mit der Transsibirischen Eisenbahn von Moskau nach Ulan Bator in die Mongolei gereist bin, hat mich dieses Buch sofort angesprochen. Aufmerksam wurde ich durch einen Podcast von SRF – und ich wusste sofort, dass ich dieses Buch kaufen muss.
Auch wir machten damals die Erfahrung, mit Menschen im selben Abteil zu reisen, ohne eine gemeinsame Sprache zu sprechen. Mit Händen und Füssen gelang es uns dennoch, einander kennenzulernen und sogar eine gewisse Nähe aufzubauen. Diese war durch die engen Platzverhältnisse im Zug ohnehin gegeben. Zudem reisten wir zu einer Zeit, in der die Grenzen nach Osten noch nicht lange geöffnet waren.
Nun zum Buch: Der junge Russe Aljoscha wird zum Militärdienst eingezogen. Seit er in Moskau in den Zug gestiegen ist, steht für ihn fest, dass er während der langen Zugreise desertieren will. Im Zug begegnet er einer Französin. Obwohl sie die Sprache des jeweils anderen nicht sprechen, gelingt es ihnen, sich über Mimik und Gestik zu verständigen.
Ihre Suche nach Freiheit, eingebettet in die Bewegung des Zuges und das Ungewisse der Reise, ist meisterhaft erzählt. Besonders beeindruckt haben mich die Beschreibungen der vorbeiziehenden Landschaften – Sibirien, der Baikalsee und die Ortschaften entlang der Strecke. Auch das Innenleben des Zuges, einschliesslich der Zugbegleiterin, wirkt äusserst authentisch. Die Szenen bei den Zwischenhalten, wenn sich die Reisenden auf dem Perron die Beine vertreten und sich mit typischen Speisen der russischen Frauen und Händler eindecken, sind lebendig geschildert. All das hat mich unmittelbar in die Zeit meiner eigenen Reise zurückversetzt.
Ohne nun zu viel über den Verlauf der Geschichte zu verraten, möchte ich vor allem die Erzählweise hervorheben: Auf nur rund 90 Seiten entfaltet sich eine erstaunliche Tiefe. Ich konnte mich sehr gut in die beiden Protagonisten hineinversetzen, da sie feinfühlig und nuanciert beschrieben werden. Viel spielt sich in ihren Gedanken ab – gerade weil ihnen die gemeinsame Sprache fehlt.
Besonders bemerkenswert ist zudem der Schreibstil: Die Sätze sind oft sehr lang, teilweise durch Bindestriche strukturiert, ziehen sie sich nicht selten über eine ganze Seite. Dadurch entsteht ein eigener, rhythmischer Fluss, der an das gleichmässige Rattern des fahrenden Zuges erinnert und die Atmosphäre der Reise zusätzlich verstärkt.
Fazit: Weiter nach Osten ist ein schmales Buch, aber von grosser erzählerischer Kraft – unbedingt lesenswert.