Es ist ein eigenwilliger, kleiner Roman, der stark auf Dialoge, Atmosphäre und psychologische Spielchen setzt. Die Handlung spielt auf einer abgelegenen Insel, auf der der alte Kapitän Loncours die junge Hazel auf eine besondere Weise gefangen hält – er lässt sie nämlich glauben, sie sei entstellt und kontrolliert so ihre Wahrnehmung. Als die Krankenschwester Françoise zur Pflege gerufen wird, entwickelt sich ein merkwürdiges Spiel aus Macht, Manipulation und Abhängigkeit zwischen den Figuren. Inhaltlich kreist der Roman um Illusionen von Schönheit, Macht und Abhängigkeit: der Alte isoliert und manipuliert Hazel, Françoise schwankt zwischen Mitgefühl und Furcht und Hazel selbst erkennt lange nicht, was wirklich mit ihr geschieht.
Der Stil ist stark dialogorientiert und gezielt irritierend. Das kann fesselnd sein, wirkt aber stellenweise eher wie oberflächliches Seelengeplapper als tiefgehende Analyse. Charaktere und zentrale Themen bleiben teilweise blass und die Idee eines psychologischen Thrillers à la Patricia Highsmith wird nur unvollständig ausgereizt.
Ein besonderes Stilmittel sind die zwei angebotenen Enden, die Nothomb der Geschichte anhängt. Das mag originell klingen, wirkt aber am Schluss eher wie eine erzählerische Unsicherheit und hinterlässt ein irritiertes Gefühl.
Mein Fazit: „Quecksilber“ ist stilistisch interessant und regt zum Nachdenken an, wirkt aber gleichzeitig verstörend. Mir fehlte eine klare Handlung und tief ausgearbeitete Figuren. Gleichzeitig zeigt Nothomb ihren Hang zu ungewöhnlicher, provokativer Literatur, die polarisiert – und genau deshalb werde ich auch in Zukunft weitere Werke von ihr lesen.