Lesen ist immer eine Begegnung mit dem Fremden. Hier kann man sich aber auch zusätzlich selbst finden. Ausgangspunkt sind ein einsames Haus in den Bergen, eine Naturkatastrophe und wie sich ein Schweizer Kanton plötzlich lossagt von unserer Gegenwart. Was realistisch beginnt wird schnell zu einer fantastischen und märchenhafter Geschichte. Ein Bergsturz hat das deutschsprachige Wallis in eine bedrohliche, mittelalterliche Welt verwandelt, wo auch Sindbad und Odysseus ihren Auftritt haben, neben vielen anderen toten Seelen über den Bergen.
In acht Kapiteln entfaltet Sinkende Sterne ein fulminantes Panorama. Das grosse initiale Thema, der Bergsturz gerät dabei schon sehr früh in den Hintergrund der Geschichte. Neben Hettche selbst stechen drei Figuren mit vielsagenden Namen heraus: Dschamil (dessen Name der Schöne bedeutet), Serafine (die mit ihrer Jugend und schneewitchenartigen Gestalt einen Schmelztiegel zwischen Vergangenheit und Zukunft bildet) und Noe de Platea. Sie verkörpern nicht nur die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sondern avancieren auch zum alter ego des Protagonisten. Vor allem die als Zukunft geltende Bischöfin von Sion, ihr Name lautet weder Noé noch Noel, weil er beides in sich birgt: Noah. Die bezirzende, entrückende Schönheit einer Frau, die sich vor dem “ungläubigen Hettche” blankzieht, offenbart als Hermaphrodit, als eine Frau getarnter Teufel, der meint: “Wir sind die Auffahrtsrampe zur Überwindung des Fleisches. Wir können die Welt so konstruieren wie wir es wollen.”
Thomas Hettche hat ein grossartig komplexes Buch voller Erinnerungen, Landschaftssagen und essayistischen Passagen geschrieben. Es ist ein eleganter, sprachlich ausgefeilter Roman mit einem bitteren Ende. Höchst empfehlenswert.