Über das 16jährige Mädchen von damals, 1983, wollte sie schon lange schreiben, aber erst, als die Erinnerungen auftauchten und sie bedrängten, erst mit 55 gelang ihr endlich, die beiden Mädchen, die in ihr lebten zu beschreiben. Da war A, der sie nach Paris lockte für Modefotografien, und da war sie, die spürte, dass sie nicht gehen sollte, und da war sie, die trotzdem ging. Bruchstücke tauchen auf, ihre Verlorenheit in Paris, ihre Abhängigkeit, die weissen Leintücher, die andern Models im Atelier, und die Männer, die sich dort herumtrieben und es mit ihr trieben. Eigentlich kann sie nicht glauben, was ihr damals passierte, worauf sie sich einliess und wieder daraus zu befreien suchte, doch es war zu spät, sie, die nach New York und Oslo zurückkehrte, war nicht die, die in Paris gewesen war, und doch lebten beide in ihr weiter.
Es ist ein bedrückendes Bekenntnis über Ohnmacht, Missbrauch und die Dissoziation, die sie bedrängt, ihr das weitere Leben beinahe unmöglich macht. Als es ihr gelingt, die beiden Mädchen miteinander ins Gespräch zu bringen, lernt sie, mit beiden zurechtzukommen.
Ein sehr persönlicher Bericht über die Folgen des Missbrauchs, darüber, wie die Dissoziation das weitere Leben zuerst unbemerkt, dann immer störender beeinflusst und einschränkt, bis es gelingt, die vergessenen Erinnerungen sprechen zu lassen. Keine leichte Kost, absolut lesenswert.
«Warum fährst du nach Paris? Ich bin kein Kind mehr, sagt sie. Ich will das Objekt, der Mittelpunkt, das Ziel der Begierde eines anderen sein. Ich will nicht allein sein». (27)
«Und was ist mit dir? Du warst meine unsichtbare Schwester, du gingst mit mir durch dick und dünn. (…) Ich werde dich nie wieder verlassen. Waren wir zusammen in Paris? Waren wir eine oder zwei»? (31)
«Wie leben Erfahrungen weiter, nicht als Erinnerungen, sondern durch Vergessen»? (38)
«Ich sage: Ich weiss nicht, was los ist. (…) Du hältst mich hinten und vorne umschlossen». (48)
«Mich täuscht das Mädchen nicht. Das Geheimnis besteht darin, die Augen leer werden zu lassen. Man tut es, indem man sich aufspaltet». (72)
«Sie, die von sich selbst in der ersten Person spricht, bin ich und nicht ich. Genau wie du, sage ich so leise und ruhig, wie ich kann». (107)