Mit Mama und Sam gelingt Sarah Kuttner ein bemerkenswert einfühlsamer Roman über Einsamkeit, Sehnsucht und die psychologischen Mechanismen hinter Love Scamming. Statt sich auf die sensationshafte Seite eines Betrugsfalls zu konzentrieren, interessiert sich Kuttner nebst dem ,,Wie’' vor allem für das „Warum“: Wie kann es passieren, dass eine eigentlich reflektierte und lebenserfahrene Person in eine solche Falle gerät?
Der Roman erzählt von einer Tochter, die mit ansehen muss, wie ihre Mutter in eine Online-Beziehung zu ,,Sam Heughan’' gerät – einer Beziehung, die sich zunehmend als Betrug entpuppt. Kuttner zeichnet dabei sehr fein nach, wie sich emotionale Bedürfnisse, Hoffnungen und kleine Selbsttäuschungen zu einem Geflecht entwickeln, aus dem es immer schwieriger wird, auszubrechen. Besonders stark ist, dass die Autorin ihre Figuren nie verurteilt. Stattdessen nähert sie sich ihnen mit Empathie und Verständnis.
Gerade diese Perspektive macht das Buch so überzeugend: Kuttner zeigt, dass Love Scamming nicht nur eine Geschichte von Naivität oder Dummheit ist. Vielmehr legt sie offen, wie geschickt Betrüger emotionale Lücken ausnutzen und wie leicht selbst rationale Menschen in einem Moment der Verletzlichkeit manipulierbar werden können. Dadurch entsteht eine Geschichte, die gleichermaßen berührt und beunruhigt.
Der Roman liest sich leicht, ohne dabei oberflächlich zu sein. Besonders gelungen ist die Balance zwischen emotionaler Nähe und analytischem Blick auf das Geschehen. Als Leser versteht man zunehmend besser, warum die Mutter an „Sam“ festhält – selbst dann, wenn die Warnzeichen immer deutlicher werden.
Mama und Sam ist kein spektakulärer Thriller, sondern ein stiller, kluger Roman über menschliche Bedürfnisse und Täuschung. Gerade diese Zurückhaltung macht ihn so wirkungsvoll. Wer sich für zwischenmenschliche Dynamiken interessiert oder verstehen möchte, wie Love Scamming funktioniert, findet hier eine ebenso berührende wie aufklärende Lektüre.