Ein Roman ohne eigentliche Handlung – dafür ein radikales Experiment mit Sprache.
Der Debütroman von Monique Wittig erschien 1964 auf Französisch und wurde damals mit dem Prix Médicis ausgezeichnet. Die deutsche Übersetzung war lange vergriffen und ist nun in neuer deutscher Übersetzung wieder erhältlich.
Wer hier eine klassische Handlung erwartet, wird schnell merken, dass es darum nicht geht. Zwar begleitet man ein Mädchen, Catherine Legrand, das in einer Nonnenschule aufwächst. Aber eigentlich geht es nicht um den Plot, sondern um Sprache.
Der Text wirkt, als wäre er in einem einzigen Zug geschrieben. Absätze gibt es kaum, Szenen wechseln ohne Vorwarnung. Alles steht nebeneinander. Es wird beschrieben, aber praktisch nichts erklärt. Dadurch muss man sich als Leser selbst orientieren.
Auffällig ist auch die Perspektive: Statt „ich“ oder „sie“ steht fast immer „man“. Dadurch wirkt es, als würde man gleichzeitig mitten im Geschehen stehen und doch von außen darauf schauen.
Am Anfang erinnert die Sprache fast an eine Kindersprache. Natürlich würde ein Kind so nicht sprechen, aber so fühlt sich kindliches Wahrnehmen an. Mit der Zeit verändert sich die Sprache, weil auch das Kind älter wird.
Immer wieder fallen die vielen Wiederholungen auf. Namen werden ständig wiederholt – Vor- und Nachnamen der Mädchen, aber auch die langen Namen der Nonnen. Diese Wiederholungen erzeugen einen eigenen Rhythmus und spiegeln den Alltag dieser Schule: Regeln, Rituale, immer wieder dieselben Abläufe.
Der Roman interessiert sich weniger für Ereignisse als für Strukturen: Schulordnung, Macht, Sprache, Körper, Regeln. Wer darf sprechen? Wer bestimmt? Wer ist sicher? Wo darf man sein?
In dieser Welt voller religiöser Rituale und Hierarchien – in einer Religion, die eigentlich von Liebe spricht – erscheint die einzige wirkliche Form von Liebe zwischen zwei Mädchen.
Opoponax verlangt Aufmerksamkeit. Man darf beim Lesen kaum abschweifen: keine Absätze, plötzliche Szenenwechsel, alles dicht aneinandergereiht. Der Roman zeigt nur – er erklärt nichts.
Dieses Buch ist sicher kein Buch für Leserinnen und Leser, die einfach eine Geschichte lesen möchten. Es ist ein Buch für Sprachliebhaber, für Menschen, die sich gerne herausfordern lassen und bereit sind, selbst zu denken.
Nicht einfach zu lesen – aber literarisch faszinierend.
📚 Weitere Rezensionen auf Deutsch findest du auf meinem Goodreads- und LovelyBooks-Profil