Die Wahrhaftige von Kristin Cashore schliesst den bisherigen Bogen der Reihe auf eine leise, kluge und sehr konsequente Weise. Zunächst scheint alles darauf hinzudeuten, dass sich die Geschichte weiter um Bitterblue drehen wird. Doch schon bald wird klar: Im Zentrum steht Lovisa. Und genau das ist die Stärke dieses vierten Bandes.
Lovisa wirkt zu Beginn wie eine Nebenfigur – und fühlt sich selbst auch so. Jung, suchend und innerlich fremd in ihrer eigenen Welt, weiss sie noch nicht, welchen Platz sie einnehmen soll. Obwohl sie aus einer einflussreichen Familie stammt und ihr viele Wege offenstehen, treibt sie eine tiefere Frage an: die Suche nach Wahrheit. Diese Suche verbindet sie mit Bitterblue, doch es ist Lovisas eigener Weg, der diese Geschichte trägt.
Cashore erzählt mit Lovisa erneut eine Geschichte von Stärke, diesmal in einer besonders unbequemen Form. Wahrheitsfindung bedeutet hier nicht Erkenntnis um jeden Preis, sondern die Bereitschaft, sich Fragen zu stellen, die wehtun. Lovisa wird mit Dingen konfrontiert, die sie lieber nicht gewusst hätte. Sie erkennt, dass Wahrheit auch Verantwortung, Schuld und Verlust bedeuten kann. Und dennoch gibt sie nicht auf. Trotz Angst und Risiko entscheidet sie sich immer wieder fuer Offenheit und Integrität. Genau darin verdient sie ihren Namen: die Wahrhaftige.
Gleichzeitig erweitert dieser Band das Universum der sieben Königreiche ein weiteres Mal. Ein neues Königreich tritt in den Vordergrund, geprägt von Technologie, Reichtum und Magie. Bekannte Figuren kehren zurück, neue kommen hinzu, und manche Entwicklungen erhalten endlich mehr Tiefe. Die Welt fühlt sich reicher und vollständiger an, ohne überladen zu wirken. Wieder ist es die Geschichte einer Frau, die uns dieses Reich erschliesst – nicht durch Macht oder Kampf, sondern durch Haltung.
Mit Die Wahrhaftige vollendet Cashore ihr Stärke-Motiv auf beeindruckende Weise. Lovisa zeigt, dass wahre Stärke darin liegen kann, das eigene Umfeld, die eigenen Privilegien und sogar das, was man liebt, infrage zu stellen. Offen zu bleiben, sich auf neue Menschen einzulassen und dennoch sich selbst treu zu bleiben.
Am Ende bleibt eine letzte, sehr verlockende Frage: Wenn diese Reihe Die sieben Königreiche heisst, und bisher jede Geschichte von einer starken, mutigen Frau getragen wurde, dürfen wir dann hoffen, noch drei weitere kennenzulernen? Nach diesem Abschluss wäre das mehr als wünschenswert.