Endlich habe ich « Frankenstein oder Der neue Prometheus» von Mary Shelley gelesen. Die Geschichte beginnt mit Briefen des Polarforschers Robert Walton, der auf dem Weg zum Nordpol ist. Dort trifft er auf einen völlig entkräfteten Mann, der ihm seine Lebensgeschichte erzählt. Dieser Mann ist Victor Frankenstein.
Victor berichtet von seiner Jugend, seinem grossen Wissensdrang und seinem Wunsch, den Tod zu besiegen. Getrieben von Ehrgeiz und Faszination für die Wissenschaft erschafft er aus toter Materie ein neues Wesen. Doch als es ihm tatsächlich gelingt, Leben zu erschaffen, reagiert er nicht mit Stolz, sondern mit Abscheu und Angst. Er verstösst seine eigene Schöpfung und überlässt sie sich selbst. Das sogenannte Monster bleibt allein zurück, ungeliebt und ausgestossen. Es lernt, beobachtet die Menschen und sehnt sich nach Nähe. Als es jedoch immer wieder Ablehnung erfährt, verwandeln sich Einsamkeit und Trauer in Wut und Rache.
Es ist erstaunlich, wie sehr man mit dem «Monster» mitfühlt. Seine Einsamkeit und sein Wunsch nach Liebe sind so greifbar, dass ich oft mehr Verständnis für es hatte als für Victor. Dieser wirkt über weite Strecken verantwortungslos und blind für die Konsequenzen seines Handelns. Der Roman stellt grosse und zeitlose Fragen. Wer trägt die Verantwortung für eine Schöpfung? Wie weit darf Wissenschaft gehen? Und wer ist am Ende wirklich das Monster?
Der Schreibstil ist etwas anspruchsvoll und zu Beginn musste ich mich an die langen, bildhaften Sätze gewöhnen. Hier zeigt sich deutlich, dass dies ein Klassiker und somit schon älter ist. Ich konnte «Frankenstein» nicht einfach rasch durchlesen, sondern musste mir die Lektüre Satz für Satz, Seite für Seite erlesen.
Die Schmuckausgabe macht das Leseerlebnis aber zu etwas ganz Besonderem. Mit Illustrationen, Briefen und liebevoll gestalteten Extras taucht man noch stärker in die Zeit und Atmosphäre ein.