Mit Niemands Töchter erzählt Judith Hoersch die Geschichte von vier Frauen, deren Lebenswege auf vielschichtige Weise miteinander verwoben sind. Der Roman beginnt anspruchsvoll: Perspektivwechsel, Zeitsprünge und das allmähliche Entfalten der Figuren erfordern Aufmerksamkeit. Ich musste zunächst zweimal ansetzen, um in die Struktur hineinzufinden. Doch gerade diese erzählerische Vielschichtigkeit erweist sich im weiteren Verlauf als grosse Stärke des Buches.
Zentrale Themen sind Familiengeheimnisse, verdrängte Wahrheiten sowie die Frage nach Identität und Zugehörigkeit. Eindringlich beschreibt die Autorin, wie sich Unausgesprochenes über Generationen hinweg auswirken kann – manchmal unsichtbar, aber stets spürbar. Besonders gelungen ist dabei die Sprache: einfühlsam, klar und emotional nachvollziehbar, sodass man als Leserin tief in die Innenwelten der Figuren hineingezogen wird.
Im Verlauf des Romans fügen sich die zunächst lose wirkenden Erzählstränge zunehmend zusammen. Perspektiven klären sich, Zusammenhänge werden sichtbar, und der Blick auf die Figuren verändert sich. Das dem Roman vorangestellte Zitat von Max Frisch – „Jeder Mensch erfindet sich früher oder später eine Geschichte, die er für sein Leben hält, oder eine ganze Reihe von Geschichten.“ – erweist sich als Leitmotiv: Je nach Wissen, Erfahrung und innerer Haltung erscheint das eigene Leben in einem anderen Licht.
Besonders tröstlich empfand ich die Entwicklung zwischen Alma und Isabell. Dass sie einander finden und sich künftig begleiten können, setzt einen hoffnungsvollen Akzent. Auch die erneute Kontaktaufnahme zu Gabriele wirkt wie ein vorsichtiger Schritt in Richtung Versöhnung.
Niemands Töchter ist kein leichter Roman, aber ein berührender und klug komponierter. Wer bereit ist, sich auf die Erzählstruktur einzulassen, wird mit einer vielschichtigen und emotional eindringlichen Geschichte belohnt. Ich empfehle dieses Buch sehr gerne weiter.